Elfriede, die Zehnte

Elfriede Beywls Mutter mit ihren älteren Geschwistern2_kl

Elfriede Beywl hält ein Bild ihrer Mutter mit drei älteren Geschwistern in der Hand.

Das Bochumer Rathaus ist riesig, der Bochumer Stadtpark ist schön. Doch kommst du ins Griesenbruchviertel, dann bleibt dir das Maul offen steh‘n… „Kennen Sie dieses Lied?“ Elfriede Beywel, 85, erzählt von ihrem Vermieter aus Altenbochum, dem tatsächlich das Maul offen stand, als sie verkündete, sie werde mit Mann und Kindern ins Griesenbruchviertel ziehen. „Du meine Güte! Ins Blaubuchsenviertel!“

Mittlerweile wohnt Elfriede Beywl seit 56 Jahren im Griesenbruchviertel. „Ich habe das nie bereut“, sagt sie. Mit ihrem Mann betrieb sie jahrelang eine kleine Schneiderei, später hatte sie ihren eigenen Laden auf der Rottstraße.

„Wir hatten so viel Kundschaft, dass unser Vermieter uns sogar die Miete erhöhen wollte“, erzählt sie. „Aber er hätte uns die Miete ja auch nicht erlassen, wenn es mal nicht so gut liefe. Also habe ich ihm nur gezeigt, wo die Tür ist.“

„Kennen Sie sowas überhaupt noch?“

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„Ich erzähle Ihnen gerne aus meinem Leben!“, sagt Elfriede Beywl. Es gibt Kaffee in blau-weißen Fürstenberg-Tassen. Nur aufs Foto möchte sie nicht.

Sie schenkt Kaffee in blau-weiße Fürstenberg-Tassen ein, der Tisch steht voller Weihnachtsgebäck. „Nehmen Sie, nehmen Sie! Ich erzähle Ihnen gerne aus meinem Leben!“, sagt sie. Aber aufs Foto möchte sie nicht. „Fotografieren Sie doch die Wohnung hier! Den Wohnzimmerschrank zum Beispiel. Der steht seit unserem Einzug hier. Und hier neben mir, wenn sie diese Klappe öffnen… das ist ein alter Musikschrank, mit Plattenspieler! Kennen Sie sowas überhaupt noch?“

Von ihrem Wohnzimmerfenster aus blickt Elfriede Beywel auf die Rottstraße. „Können Sie sich vorstellen, dass die Menschen damals scharenweise auf den Straßen hier im Viertel unterwegs waren? Die Kinder strömten zur katholischen Volksschule an der Arnoldstraße und zur evangelischen Volksschule auf der Alleestraße. Und natürlich die Arbeiter vom Bochumer Verein! Die hatten ja keine Autos. Sie kamen zu Fuß oder mit dem Fahrrad.“ Die meisten wohnten mit ihren Familien im Griesenbruch, in Stahlhausen und Goldhamme. „Das können Sie sich gar nicht mehr vorstellen, oder? Dass da so viel los war. Heute ist es manchmal so still, dass man tagsüber schon mal die Ohren aufhalten muss, um überhaupt etwas zu hören.“

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„Ein alter Musikschrank, mit Plattenspieler! Kennen Sie sowas überhaupt noch?“

Früher sei fast an jeder Ecke im Viertel eine Kneipe gewesen. Sie zeigt wieder aus dem Fenster: „Hier gegenüber war der Bürgerkrug. Was meinen Sie, was dort immer los war!“ Richtig voll sei es immer gegen zehn Uhr geworden. Denn um viertel vor zehn war Sendeschluss im Fernsehen. Das habe die Leute nochmal vom Sofa getrieben. „Heute will abends ja keiner mehr gestört werden.“

„Sie können ja mal rechnen, wie viele wir waren“

Elfriede Beywl wurde 1929 „in Werne bei Bochum“ geboren. (Die Eingemeindung Wernes erfolgte vier Monate nach ihrer Geburt.) Ihre Eltern hatten 19 Jahre zuvor geheiratet.

Nach dem sechsten Kind, Albert, hatte ihre Mutter erklärt, sie wolle nun eigentlich keine weiteren Kinder. „Aber sie war zu christlich, um etwas dagegen zu unternehmen“, sagt Elfriede Beywl. Also wurden weitere geboren, irgendwann auch Elfriede. „Von 1910 bis 1935 bekam meine Mutter alle zwei Jahre ein Kind. Sie können ja mal rechnen, wie viele wir waren!“ – Wirklich 12? „Ja, 12. Acht Mädchen, vier Jungen. Ich bin Elfriede, die Zehnte.“

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„Fotografieren Sie doch zum Beispiel den Wohnzimmer schrank. Der steht seit unserem Einzug hier.“

Christlich erzogen wurden sie alle. Zum Sonntag gehörte der Gottesdienst. Zum Essen das Gebet. „Meine Mutter betete immer für die Witwen, die Waisen, die Verfolgten… Ach, wen sie da alles aufgezählt hat! Wenn sie mit dem Beten kein Ende finden wollte, rief mein kleinster Bruder ungeduldig: ‚Mamaaa! Aaamen!‘ Das Signalwort, nach dem wir anfangen durften zu essen, kannten wir sehr genau. Meine Mutter beendete dann lächelnd ihr Gebet, erklärte uns aber auch, weshalb sie die langen Gebete sprach: ‚Ihr sollt das wissen. Und beim Essen habe ich euch nun mal alle zusammen.‘ Die großen Runden um den Tisch haben wir immer sehr genossen.“

Ganz ähnlich habe sie sich viele Jahre später gefühlt, wenn in der Friedenskirche Stammtisch war. „Was wir da gefeiert haben! Erika machte bergeweise Kartoffelsalat oder Gulasch oder Raclette. Und der Pastor war auch immer dabei.“ In den letzten Jahren wurde die Gemeinde allerdings immer kleiner. Und älter. Die Friedenskirche wird gerade zu einem Stadtteilzentrum umgebaut, mit erweitertem Tätigkeitsfeld (>>LINK).

Aus dem Kirchraum entstehen ein Bürgersaal und ein neuer Gottesdienst- und Andachtsraum. Elfriede Beywl fällt es nicht leicht, sich an die Umgestaltung zu gewöhnen. „Für mich bleibt das immer die Friedenskirche.“ Für die Geschichte der Friedenskirche bleibt Elfriede Beywl eine bedeutende Zeitzeugin. Anfang Dezember gewann Elfriede Beywl einen Theater-Gutschein beim Namenswettbewerb für das neue Stadtteilzentrum. Ausgewählt wurde ein anderer Name („Q1 – Eins im Quartier“), aber dass der neue Andachtsraum dort bald eröffnet wird (März 2015), freut sie sehr.

„Das Leben hat uns schon gebeutelt“

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„Das Leben hat uns schon gebeutelt, aber man muss es so nehmen, wie der liebe Gott es einem gibt.“

Als 14-Jährige erlebte Elfriede Beywl im Juni 1943 den sogenannten Pfingstangriff auf Bochum. In dieser einen Nacht kamen über 300 Menschen ums Leben, über 300 wurden verwundet. Elfriede Beywls gesamte Schule wurde nach Stolp in Ostpommern evakuiert. Zwei Jahre später, nach Kriegsende, kommt sie nach Bochum zurück.

„Acht Tage haben wir gebraucht, bis wir wieder hier waren. Über Magdeburg sind wir gefahren, zum Teil in offenen Loren. Sie kennen doch die alten Güterwagen? Damit sind wir 14 Kilometer gefahren, bis wir zum Flüchtlingszug kamen. Das war aber natürlich kein normaler Zug, sondern ein geschlossener Wagen, in dem ansonsten Vieh transportiert wurde. Wie Vieh wurden wir also transportiert, der Boden war mit Stroh ausgelegt. Zwischendurch hieß es: Die Russen kommen. Keiner wusste, ob wir jemals zu Hause ankommen würden. Zufällig trafen wir einen Offizier, der anbot, alle Mütter mit sehr kleinen Kindern mitzunehmen. Meine ältere Schwester, die mit ihren beiden kleinen Kindern bei uns war, hätte dort mitfahren können. Aber meine Schwester sagte: Das kann ich nicht machen. Wenn ich nach Hause komme und meine zwei Schwestern nicht mitbringe, habe ich keinen guten Herrgott. Als wir einen Feldwebel aus Witten trafen, der zwei Tage Heimaturlaub hatte und uns fast bis nach Hause brachte, dachten wir alle, wir seien einem Engel begegnet.“

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Ein Foto des jungen Roman Beywl. – Auf dem Klingelschild zu Elfriede Beywls Wohnung steht bis heute: Roman Beywl, Schneidermeister.

„Das Leben hat uns schon gebeutelt“, sagt Elfriede Beywl. „Aber man muss es so nehmen, wie der liebe Gott es einem gibt.“ Das sagt sie auch, wenn sie vom Tod ihres Mannes vor drei Jahren spricht. Vom Tod ihres Sohnes, der nur 46 Jahre alt wurde. Von ihrer älteren Schwester, die als 86-Jährige vom Auto überfahren wurde. Und vom plötzlichen Kindstod ihres dritten Babys nach nur acht Monaten. „Da will der liebe Gott uns auch etwas mit sagen. Aber man muss erst die Stärke finden, um das so zu sehen.“

Auf dem Klingelschild zu Elfriede Beywls Wohnung steht bis heute: Roman Beywl, Schneidermeister. Denn in den ersten Jahren betrieben sie die Schneiderei zusammen von ihrer Wohnung aus. „Mein Mann hatte eine Kriegsverletzung. Angestellt hätte er gar nicht arbeiten können.“ Als Selbständiger konnte er den Laden auch mal geschlossen lassen, wenn es nicht ging, wenn er zu starke Schmerzen hatte. „Eines Tages sagte ich aber zu meinem Mann: ‚Jetzt ist Schluss. Ich habe ein Ladenlokal gemietet. Hier oben findet nichts mehr statt.‘“ Das war 1974.

Jürgen von Manger war ein Guter

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Auf diesem Sofa schneiderten Roman und Elfriede Beywl jahrelang gemeinsam. Heute ist die ehemalige Schneiderwerkstatt ein zweites Wohnzimmer mit tausend Erinnerungsstücken.

Für das Modehaus Balz arbeitete sie 30 Jahre lang, und für das  Bleyle-Geschäft der Ruth von Manger, wo gelegentlich auch deren Ehemann Jürgen von Manger vorbeikam. „Zu den Weihnachtsfeiern kam er jedes Mal.“ Der berühmte Jürgen von Manger aus Herne, der den kleinen großen Adolf Tegtmeier erfunden hat. Ausm Ruhrpott. „Das war ein Guter! Der war ja damals schon berühmt. Dass ich nur eine Angestellte war, machte für ihn keinen Unterschied.“

Keinen Unterschied versuchte auch Elfriede Beywl zu machen, wenn sie in ihrer Schneiderei die vielen Geschichten von vielen Menschen hörte. „Die Leute erzählen einem ja ihr halbes Leben, wenn sie in den Laden kommen. Aber ich habe zu meinen beiden Angestellten immer gesagt: ‚Was wir hier drin zu hören bekommen, geht bis zur Ladentür und keinen Schritt weiter. Nichts dringt nach draußen.‘ Manchmal hörten wir die gleiche Geschichte in vier verschiedenen Varianten. Wer weiß denn schon, was davon stimmt?“ Sie ließ jeden immer seine eigene Geschichte erzählen. Die Wahrheit ist häufig ja Ansichtssache.

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