“Zum Glück spielen die nicht Golf!”

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WM-Gucken im Westpark 1. Foto: Dorte Huneke

Man muss Massen lieben, wenn man das WM-Viertelfinalspiel Deutschland gegen Frankreich auf der großen Leinwand im Westpark anschauen will.  Bis zu 15.000 Besucher werden aufs Areal gelassen. Ein Fest! Und Fußball gibt es auch.

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Westpark-WM-Pfand. Foto: Dorte Huneke

Um kurz vor sechs, wenige Minuten vor Anpfiff, strömen noch scharenweise Feierlustige und Fußballfans aus den U-Bahnschächten und über die Treppen  in Richtung Jahrhunderthalle.Das Westend (etwa 12.000 Einwohner) hat Besuch aus dem Revier.

Die gute Laune überwiegt, so richtig eilig scheint es keiner zu haben. “Nu lass mal reingehen” und “Wo sind denn die anderen?” hört man überall, neben: “Getränke müssen draußen bleiben!” Weil keine Getränke mit aufs Public-Viewing-Areal mitgenommen werden dürfen, häufen sich Flaschen- und Dosen kurz vor der Eingangsschleuse. Eifrige Hände sammeln sie in Einkaufswagen. Die Deo-Sprays, ebenfalls aussortiert, liegen unbeachtet am Boden. Wer seine flüssigen Einkäufe nicht wegschmeißen oder verschenken will, sucht dafür ein Versteck im Gebüsch, unter Steinen, hinter Fahrrädern. Dort lagert auch eine Tüte Vollmilch.

“Bisher is gut!”, kommentiert ein langgewachsener Typ im Deutschland-Trikot die ersten Minuten. Gut zu wissen. Denn viel kann man auf der Leinwand nicht sehen, wenn man sich nicht in den Hitzekessel, also in die vorderen Reihen gedrängt hat. “Zum Glück spielen die nicht Golf!”, sagt einer. Die Sonne steht genau über der Leinwand. In meinem Bier schwimmt eine Mücke. Unangenehm.

Warum springt immer jemand vor meiner Nase rum?

Den anderen geht es offenbar genauso, sie schauen auf ihr Handy oder unterhalten sich. Kurz beneide ich Mann und Sohn, die zur selben Zeit gemütlich auf unserer Wohnzimmercouch sitzen und freie Sicht auf den Fernseher genießen.

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WM-Gucken im Westpark 2. Foto: Dorte Huneke

Neben ein paar Lederhosen-Typen steht ein aufgeblasener Penis. Oder: ein Mann in einem Ganzkörper-Penis-Blouson. Wirklich. Ein Polizist nickt anerkennend, als er an ihm vorbeigeht: “Der ist gut!”

Dann kommt das Tor! Das ist noch viel besser! Konfetti sprüht aus der Masse vor der Leinwand hervor. Sogar die Promis auf der VIP-Tribüne des großen Sponsors bewegen sich und jubeln. Der Penis hüpft.

Die Security-Leute wagen einen zaghaften Blick auf die Leinwand. Eigentlich müssen sie ja den ganzen Abend in die entgegengesetzte Richtung schauen.

Nach der ersten Halbzeit wird es mir zu warm. Und eigentlich würde ich auch gerne das Spiel sehen. Wenn wirklich 15.000 Leute hier sind, oder auch nur 12.000, wären das so viele wie im Westend wohnen.

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WM-Security im Westpark. Foto: Dorte Huneke

Also  laufe ich zurück durch die Schleuse, hole die Tüte Vollmilch wieder aus dem Gebüsch und setze mich daheim vor den Fernseher. Während mein Sohn in der zweiten Halbzeit wie eine Stubenfliege zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her düst, jeweils über Couch und Stühle, dabei abwechselnd Milch, Wasser, Brot, Käse, Wurst verlangt, erscheint mir die Wiese vor der Leinwand im Westpark wie ein Ort der Ruhe und Besonnenheit.

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


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