Etwas Schönes in Goldhamme

Ulrike Königs

Ulrike Königs

“Haben Sie heute schon etwas Schönes erlebt?” Ulrike Königs, die bei einem Kaffee und Kreuzworträtseln in einer Bäckerei an der Essener Straße in Goldhamme sitzt, hat darauf gleich mehrere Antworten.  “Schön ist, dass ich heute hier meine Ruhe gefunden habe!” Im Nachbarhaus der 57-Jährigen sind die Handwerker. Das laute Bohren habe sie aus der Wohnung und in die Bäckerei getrieben. “Noch schöner war allerdings, dass ich hier vorhin mit einem älteren Mann ins Gespräch kam, der von einem Elvis-Presley-Konzert schwärmte”, erzählt Ulrike Königs. Er sei früher LKW-Fahrer gewesen und komme häufig in die Bäckerei, weil er dort durchs Fenster die LKW beobachten könne. “Das hat mich sehr gefreut, mit diesem Mann ins Gespräch zu kommen”, sagt Ulrike Königs. Die Mutter von zwei Kindern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum für Deutsch als Fremdsprache. Aus gesundheitlichen Gründen muss sie ihren Job zur Zeit allerdings ruhen lassen und hat somit viel Zeit. Seitdem beobachtet sie aufmerksamer und genauer die Entwicklungen in ihrem Stadtteil, spricht mit Nachbarn und nimmt an Bürgerversammlungen teil.

“Es ist schon nicht immer ganz einfach hier”, stellt Ulrike Königs fest und erzählt von jungen Leuten mit Flachmännern auf dem Spielplatz und anderen unangenehmen und kuriosen Begegnungen. “Viele Leute hier sind deutlich demotiviert. Sie glauben nicht, dass sich etwas verändern lässt. Mit welchem Geld denn auch? Ich freue mich deshalb, wenn ich Leute treffe, die etwas verändern möchten. Wenn wir mehrere sind, muss sich doch etwas bewegen lassen!” Ulrike Königs wohnt seit 2000 in Goldhamme. Sie war damals schwanger und ihre Eltern kauften ihr eine Eigentumswohnung. Innenstadtnah. Sie selbst habe das damals recht unbedarft gesehen. Heute kennt sie die Probleme, aber auch die Vorzüge des Stadtteils.

Thorsten A. und Vater

Thorsten A. mit seinem Vater

„Vor unserem Haus steht seit vielen Jahren ein Walnussbaum. Mir ist das ehrlich gesagt lange gar nicht aufgefallen“, erzählt Ulrike Königs. „Bis eines Morgens mehrere türkische Frauen unter dem Baum standen, um die Nüsse zu ernten. Offenbar hatte sich das sogar herumgesprochen. Jedenfalls entwickelte sich fast eine Schlägerei um die Walnüsse, mit einem Regenschirm gingen zwei aufeinander los. – Und so weiß ich nun, dass wir einen wunderbaren Walnussbaum in unserem Garten haben. Auf manche Schätze muss man ja erst aufmerksam gemacht werden.“

Ein anderer Schatz, über den derzeit viel gesprochen und spekuliert wird, ist die leerstehende Martinikirche. „Meine Vision ist, dass die Uni in diese Räume einzieht“, so Ulrike Königs. Der Wohnraum in Goldhamme sei noch einigermaßen erschwinglich. Auch deshalb zögen immer mehr Studierende nach Goldhamme.

Am Tisch neben Ulrike Königs sitzt Thorsten A. Der gelernte Schriftsetzer ist heute mit seinem Vater aus Eppendorf, 76, in die Bäckerei gekommen. In Goldhamme gebe es zum Teil extreme Haltungen, sagt Thorsten A. Er habe sich aber daran gewöhnt. Man könne sich aus dem Weg gehen und das wiederum schätze er an Goldhamme: “Ich habe gerne meine Ruhe. Man wird auch nicht komisch angeguckt, weil man vielleicht nicht zu denen gehört, die täglich zur Arbeit gehen.“ Für Thorsten A., 46, der seit über zwanzig Jahren in Goldhamme wohnt, ist das ein Ausdruck von Toleranz. Die gebe es nämlich in Goldhamme durchaus. „Mir ist hier noch nie etwas zugestoßen. Mit einer Ausnahme.” Man müsse “die Gesetze der Straße” kennen. Thorsten A. arbeitete früher in einer Druckerei. Aus gesundheitlichen Gründen musste er sich ebenfalls aus dem Arbeitsleben ausklinken. Nun schreibt er manchmal Kurzgeschichten.

„Etwas Schönes habe ich heute übrigens auch erlebt! Im Radio lief heute Morgen ein Lied, das mich sehr berührt hat. Ich weiß nicht, wie es hieß, aber es hat mir sehr gefallen.“

Wenn er wieder arbeiten ginge und einen festen Tagesablauf hätte, würde er möglicherweise über einen Ortswechsel nachdenken. Seine Nachbarn feierten manchmal gerne etwas länger, etwas lauter. „Aber dann gehe ich am nächsten Tag dort vorbei und sage: ‚Das war aber doch recht laut.‘ So kommen wir eigentlich alle gut miteinander aus.“ Das ist das Schöne in Goldhamme.

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


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