Ein Teil von mir, ein Teil vom Westend

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Marcus Kiel im Juli 2014 – mit einem “O”. Foto: Dorte Huneke

Marcus Kiel hat in der letzten Nacht nicht geschlafen: „Wenn man monatelang auf etwas gewartet hat und wenn dann der Moment kommt, in dem genau das wirklich passiert – dann ist das schon aufregend.“

Im Februar 2013 hatte die Stadt Bochum Marcus Kiel beauftragt, einen künstlerischen Entwurf vorzulegen: der neue Radweg-Tunnel unter der Alleestraße, an der Wattenscheider Straße, sollte gestaltet werden, die ehemalige Verbindung zwischen den beiden Krupp-Werkbereichen Gussstahlfabrik und Stahlindustrie. Kiel hatte dazu sofort einen Bezug. „Das Werk sollte auf jeden Fall etwas mit dem Gelände zu tun haben“, erklärt er. Der 1964 geborene Künstler wuchs selbst nur wenige Meter entfernt auf und kam auf seinem Weg zur Schule täglich mit der Straßenbahn am Krupp-Werk vorbei. Die Arbeiter beim Schichtwechsel waren ein vertrautes Bild. “In den Hochzeiten haben hier bis zu 20.000 Menschen gearbeitet”, weiß Marcus Kiel.

SAMSUNG CAMERA PICTURESAls ich Marcus Kiel am Nachmittag treffe, ist das vierköpfige Team bereits seit vier Stunden dabei, die einzelnen Buchstaben aus Stahl anzubringen. Zentimetergenau werden die Abstände vermessen.”Zwei Stunden werden wir wohl noch brauchen”, erklärt Marcus Kiel und erzählt, wie er sein Kunstwerk “gefunden” hat:

2001, als der Westpark gerade eröffnet worden war, seien immer wieder auch ehemalige Arbeiter der Krupp-Werke dort spazieren gegangen. Sie hätten sich alles genau angeschaut. „So viel hatte sich verändert. Einige fanden diese Entwicklung gut, andere weniger.“ Marcus Kiel verbrachte damals viel Zeit im Westpark, recherchierte in Archiven und sprach mit Menschen, die lebendige Erinnerungen an die Geschichte dieses Ortes haben. Sie erklärten ihm, wie das Gelände vorher ausgesehen hat, welche Gebäude wo gestanden haben. Marcus Kiel wollte auch von ihnen wissen, wie sie es empfunden haben, als immer mehr Produktionsbereiche geschlossen wurden, “als die Schlinge immer enger wurde”. Einer seiner Gesprächspartner antwortete auf diese Frage:

SAMSUNG CAMERA PICTURES„ICH HATTE DAS GEFÜHL, DASS DA EIN TEIL VON MIR STILLGELEGT WERDEN SOLL.“

An diesen Satz erinnerte Marcus Kiel sich, als er mehr als zehn Jahre später den Auftrag bekam, ein Kunstwerk für diesen Ort zu entwerfen. „Der Satz macht die Identifikation der Menschen, die dort gearbeitet haben, mit dem Ort deutlich. Sie waren stolz, ‚Kruppianer‘ zu sein.“ Der Satz steht außerdem in einer türkischen Übersetzung an der Wand:

“SANKİ CANIMIN BİR PARÇASINA KİLİT VURULACAKMIŞ GİBİ GELİYORDU BANA.”

“Es haben so viele Arbeiter aus der Türkei hier gearbeitet”, sagt Marcus Kiel. “Deshalb war mir die Zweisprachigkeit wichtig. Auch weil sie bis heute deutlich diesen Stadtteil prägen. Sie sollen sich angesprochen fühlen.” Ein hartes Stück Arbeit war auch die Übersetzung. Viele unterschiedliche Vorschläge wurden gemacht. Beladen mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen. Der Essener Literatur-Übersetzer Harwig Mau fand schließlich diese Formulierung.

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Blick auf den Schriftzug von der Alleestraße/Wattenscheider Straße aus. Foto: Dorte Huneke

Die ersten Arbeiter aus der Türkei kamen übrigens im Juli 1964, also heute ziemlich genau vor fünfzig Jahren nach Bochum.

Den Namen des Mannes, der den Satz ausgesprach, der nun in großen Lettern an der Wand prangt, hat Marcus Kiel sich leider nicht notiert. Nur “dass er hier malocht hat”, weiß er. “Das ist wirklich sehr bedauerlich”, so Kiel. Eine leise Hoffnung hat er aber, dass dieser Mann eines Tages an dieser Stelle vorbei kommen und sich an diesen Satz erinnern könnte.

Die Buchstaben sind extra groß gestaltet, so dass man den Satz vom Fahrrad aus lesen kann. “Man muss gar nicht absteigen”, erklärt Marcus Kiel. “Man liest es im Vorbeifahren – undvielleicht denken die Menschen beim Weiterfahren daran oder reden darüber.”

Bislang ist der Schriftzug noch Teil der Baustelle, aber von der Alleestraße/Wattenscheider Straße aus kann man ihn gut sehen. Offiziell eröffnet wird das Kunstwerk, wenn auch der Radwegtunnel fertig gestellt ist. Vielleicht Ende 2014, vielleicht Anfang 2015. Schön sei es, wenn zu diesem Anlass auch viele Zeitzeugen kämen, wünscht sich Kiel.

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 

 


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