„Das schaffst Du eh nicht!“

Stahlhausen, 17. Juni 2014

 

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Nejla Elif Usta vor dem Stadtteiltreff an der Gremmestraße. Foto: Dorte Huneke

Elif vor StadtteiltreffNejla Elif Usta arbeitet seit über zwanzig Jahren in Stahlhausen. Ohne sie gäbe es den Gremme-Spielplatz nicht. Und den Stadtteiltreff gegenüber. – Mit ihr startet das Stadtschreiberin-Blog!

Ich treffe Elif auf dem Spielplatz an der Gremmestraße. Sie ist ärgerlich, vielleicht mehr noch enttäuscht: Jemand hat das Gemüsebeet im Garten des Stadtteiltreffs verwüstet. Alle Pflanzen wurden herausgerissen und liegen bis in den Nachbargarten verstreut herum. Elif möchte wissen, wer das war und spricht mit den Kindern auf dem Spielplatz. Sie sollen sich bei ihr melden, wenn sie etwas wissen. „Wenn ich weiß, wer es war, möchte ich mit ihr oder ihm gemeinsam das Beet wieder in Ordnung bringen“, sagt Elif. So schnell lässt sie sich nicht entmutigen.

Eine Straße weiter werden gerade neue Häuser gebaut – mitten in der ältesten Stahlarbeitersiedlung in Bochum. Die Bauarbeiter lassen uns in den hinteren Bereich der Baustelle durchgehen, wo bald die Gärten der neuen Bewohner liegen werden. „Hier und dort drüben haben wir bis vor wenigen Jahren mit den Kindern Fußball gespielt“, erzählt Elif und zeigt auf eine kleine Parkanlage. Elif arbeitete damals für die „Kindervilla Stahlhausen“ der Migrantenorganisation Ifak. „Es gab auf der Wiese eine Schaukel. Mehr nicht. Ein ziemlich trostloser Ort, aber die einzige Grünfläche im Viertel. Wo hätten wir mit den Kindern hingehen sollen?“ Die Wiese war zudem meist dreckig und zugemüllt. „Bevor die Kinder spielen durften, machten wir immer erst eine Aufräumaktion“, sagt Elif. „Mit Zangen und Mülltüten gingen wir über die Wiese. Alle halfen mit.“ Irgendwann reichte es Elif aber. Sie beschloss: die Kinder im Viertel brauchen einen Ort, an dem sie in Ruhe spielen können. Stahlhausen braucht einen Spielplatz.

Das war 2008. Den Max-und-Klara-Spielplatz gab es damals noch nicht. Die Stadt Bochum schien verschlafen zu haben, dass Stahlhausen viele junge Familien und Kinder hat.

Gremme Spielplatz

Spielplatz an der Gremmestraße. Foto: Dorte Huneke

Elif setzte ein kurzes Schreiben auf und sammelte Unterschriften. „Das schaffst Du doch eh nicht, daraus wird nichts!“, winkten viele Leute in der Nachbarschaft ab, die offenbar nicht mehr daran glaubten, dass die Stadt in Stahlhausen investieren würde. Am Ende standen allerdings rund 100 Namen auf der Liste (den Zettel hat sie aufbewahrt) – und 2012 wurde der neue Spielplatz eröffnet. Und zwar nicht irgendein Spielplatz: „Ich habe mich mit den Familien aus der Nachbarschaft hingesetzt. Zusammen haben wir einen Katalog mit Spielgeräten angeguckt und alles, was uns gefiel, auf ein Blatt geklebt“, erzählt Elif. „Etwas für die Kleinen. Etwas für die Größeren. Und: etwas für die Eltern!“ So stehen nun am hinteren Ende des Spielplatzes Trimmgeräte.

Schräg gegenüber ist der Stadtteiltreff der Ifak. Den es ohne Elif ebenfalls nicht geben würde. „Das Haus stand lange leer“, erzählt Elif. „Ich beobachtete über Wochen hinweg, dass dort immer Leute saßen, die sich unterhalten wollten und dem Treiben auf der Straße zusahen.“ Also schrieb Elif für die Ifak ein kurzes Konzept und die Ifak sagte: „Dann mach mal!“ Heute gibt es im Stadtteiltreff Krabbelgruppen, einen Teenie-Treff, ein Frauen-Frühstück, einen Chor… „Die Leute hier kommen nicht über irgendeinen Glauben oder eine bestimmte Herkunft zusammen“, sagt Elif. „Alle sind herzlich eingeladen, herzukommen.“

Vor allem hat Elif mit diesen Aktionen allen gezeigt, dass sich eben doch etwas bewegen lässt, wenn man einigermaßen beharrlich und optimistisch bleibt. „Als Bürgerin dieser Stadt kann ich sehr wohl etwas bewegen, das Gesicht meines Viertels verändern“, sagt Elif. „Wenn sich dies durch meine Arbeit vermittelt und ich andere ermutigen kann, sich ebenfalls für ihre Bedürfnisse einzusetzen, habe ich mein Ziel erreicht. Ich wünsche mir, dass die Stadtteilbewohner sich als Bürger begreifen, dass sie sich engagieren – und das Vertrauen haben, dass sie damit auch etwas erreichen können. Es ist doch ihr Viertel, in dem sie wohnen. Darum geht es mir.“

Gegen Abend erreichen wir den Stadtteiltreff. Der Teenie-Nachmittag ist vorbei, vor der Tür sitzen sieben, acht Männer, die auf die Chorprobe warten. Elif holt ihre Sachen, um in ihre zweite Heimat zurückzufahren, nach Querenburg. Warum sie in all den Jahren nicht nach Stahlhausen gezogen ist? „Meine Kinder sind inzwischen groß“, sagt Elif, „aber wenn sie übers Wochenende bei mir sind und mit ihren alten Freunden telefonieren, sagen sie immer ‚Ich bin gerade zu Hause‘. Querenburg ist ihr Zuhause, dort sind sie groß geworden. Diese Heimat will ich ihnen nicht nehmen, deshalb bleibe ich dort wohnen, zumindest bis sie sich selbst irgendwann und irgendwo heimatlich eingerichtet haben.“

Beruflich hat Elif sich vor ein paar Monaten neu eingerichtet. Die Kindervilla Stahlhausen der Ifak bezog Anfang des Jahres zusammen mit der Evangelischen Kindertagesstätte Pfiffikus ein neues Haus, das nun den Namen „Kindervilla Pfiffikus“ trägt. In einem imposanten Gebäude in schillerndem Orange-Gelb sollen die Konzepte, Werte und Erfahrungen beider Träger zusammenfließen und etwas Neues entstehen lassen, wie es offiziell heißt. In Bochum ist das neu und bisher einmalig. Über hundert Kinder werden hier betreut. In einer Gruppe arbeitet Elif als Ergänzungskraft.

Und noch etwas ergänzt Elif kurz nach unserem Spaziergang: Das zerstörte Gemüsebeet hinterm Stadtteiltreff war am nächsten Tag wieder hergerichtet. Einige Frauen aus dem Viertel hatten mit ein paar Kindern zusammen zu Schaufel und Harke gegriffen und alles wieder in Ordnung gebracht.

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


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