Das FKT macht dicht

Stahlhausen, 29. Juni 2014

Sackgassen Schild

Dorothee Schäfer vor dem Eingang zum FKT. Foto: Dorte Huneke

In der Bochumer Innenstadt wird ein „Zukunftsfest“ gefeiert. Das Freie Kunst Territorium (FKT) in Stahlhausen ist zur gleichen Zeit dabei, seine Zukunft zu begraben: Die Künstlergemeinschaft muss aus ihrem Gebäude an der Bessemer Straße ausziehen. – Aber vielleicht findet sich ja ein neuer Ort für die Ateliergemeinschaft. Das wäre die Zukunft. Und sicher ein Fest!

Das Detroit-Projekt – ein einjähriges Stadt- und Kunstfestival des Schauspielhauses Bochum und der Urbanen Künste Ruhr – feiert ein Zukunftsfest. In den vergangenen Monaten präsentierten Künstler und Künstlergruppen aus Deutschland, Spanien, Polen und England eine Vielzahl an Projekten an verschiedenen Bochumer Standorten. Unter anderem in Stahlhausen. Auf dem Gelände des Freien Kunst Territoriums (FKT) waren mehrere Künstlergruppen zu Gast, zum Teil in Kooperation mit der Migrantenorganisation IFAK. So wurden Liegestühle aus recyceltem Material gebaut, aus Müllsäcken sehenswerte Vorhänge gestrickt, auf einem Spaziergang „Durch die Gärten von Stahlhausen“ neue alte Formen des Urban Gardenings entdeckt. Ein 7,5 Meter hoher Turm aus aufeinander gestapelten Betonfertigteilen beherbergte eine Ein-Mann-Sauna mit Tauchbecken, Ruheraum und Ausblick in den Himmel. Sensationell! Sensationell auch für einen Bezirk, der stadtläufig eher als Brennpunkt gilt.

Trotzdem wird an diesem Sonntag, an dem das Detroit-Projekt feiert und gefeiert wird, gestreikt. An der Toreinfahrt, durch das man zum FKT-Gelände gelangt – neben der Feuerwache, an der VHS vorbei – hat Dorothee Schäfer, Bildhauerin mit Atelier im FKT, ein Transparent angebracht. Ein Sackgassen-Schild. „Zum Feiern ist mir nicht zumute“, sagt die Künstlerin. In wenigen Wochen wird sie mit den anderen FKT-Mitgliedern die Kisten packen müssen. Der Eigentümer Thyssen hat das Gebäude verkauft. Alles muss raus. „Dass diese Räume nicht ewig zu mieten sein würden, war uns von Anfang an klar“, sagt Dorothee Schäfer. Als es dann aber an den Verkauf ging, vermisste die Künstlergemeinschaft massiv die politische Unterstützung der Stadt Bochum. Zumal es von den Künstlern fortgeschrittene Pläne gab, das Gebäude selbst zu erwerben.

Häkeln

Dorothee Schäfer häkelt einen Liegestuhl. Foto: Dorte Huneke

Für das Detroit-Projekt wurden „mit enormem finanziellem und personellem Aufwand Künstler*nnen zu uns eingeladen“, erklärt Dorothee Schäfer. Die Zusammenarbeit mit diesen internationalen Künstlergruppen sei freundschaftlich familiär gewesen (wenngleich das Budget in keinem Verhältnis zur durchgängig mageren Besucherzahl gestanden habe und sich kein nachhaltiger Effekt abzeichne). Zur gleichen Zeit verliere jedoch ein lebendiger, international, regional und lokal hervorragend vernetzter Kunstort, nämlich das FKT, seinen Platz, so Schäfer. Eine weitere Unterstützerin formuliert es so: „Durch die mangelnde Unterstützung der Stadt Bochum, insbesondere ihres Stadtdirektors und Kulturdezernenten Townsend ist das Gebäude des FKT von Thyssen-Immobilien jetzt an einen Investor verkauft worden, der in den denkmalgeschützten Räumen der ehemaligen Betriebskrankenkasse an der Bessemer Straße Büroräume ausbauen will. Wer die Leerstände in Bochum kennt, wird sich fragen, warum die Initiativen der Künstler des Freien Kunst Territorium, die maßgeblich zum neuen Leben des Bochumer Westend beigetragen haben, von städtischer Seite so wenig Unterstützung erfahren, sondern im Gegenteil untergraben werden.“

In Dorothee Schäfers Atelier stehen neben ihren eigenen Arbeiten viele kleinere Kostbarkeiten – aus Kreativwerkstätten, die sie im Laufe der Jahre mit Frauen aus dem Quartier durchgeführt hat. „In diesen kleinen Kunstwerken stecken ganze Lebensgeschichten“, erzählt Dorothee Schäfer, während sie ein fein gearbeitetes Bäumchen aus Draht und Glitzersteinen, hochhebt, das sich über einen Schalter in langsam kreisende Bewegung setzen lässt. „Ich habe in den vielen Stunden, die wir hier zusammengearbeitet haben, so viel von den Frauen erfahren und gelernt, und damit über das Westend, wo wir ja alle zusammen leben.“

FKT

Das FKT-Gelände an der Bessemer Straße. Foto: Dorte Huneke

Während draußen das Sackgassen-Schild dafür sorgt, dass niemand hereinkommt, flickt Dorothee Schäfer einen selbstgebauten, aus Mülltüten gehäkelten Liegestuhl zusammen. Gleich kommt eine Künstlerkollegin vorbei, mit der sie ein neues Ausstellungskonzept erarbeiten will. Das Sackgassen-Schild draußen heißt ja nicht, dass drinnen Stillstand herrscht. Auf einem Handzettel, der neben dem Sackgassen-Schild zum Mitnehmen ausgelegt ist, fordert Dorothee Schäfer die Stadt Bochum auf, die Schaffung eines neuen Standortes für das FKT im Bochumer Westend zu unterstützen und „damit die Verstetigung von künstlerisch-kultureller Entwicklung und Stadtentwicklung im Bochumer Westend auf Dauer zu sichern.”

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


Your Comment