Despina kennen irgendwie alle

20140819_110132

Despina, 75, in ihrem Laden am Springerplatz 22. Foto: Dorte Huneke

Die griechische Schneiderin am Springerplatz kennen irgendwie alle: „Mit Despina sollten Sie sprechen, wenn Sie über das Westend etwas schreiben wollen!“ – Also besuche ich das kleine Ladenlokal gegenüber dem Café Treibsand, das Despina seit knapp vierzig Jahren führt – und höre sie Türkisch sprechen.

In dem griechischen Dorf Nea Mpafra bei Serron, in dem Despina aufgewachsen ist, sprachen einige Menschen Griechisch, andere Türkisch. Deshalb spricht Despina, obwohl sie Griechin ist, auch Türkisch und hat im Bochumer Westend viele türkische Freundinnen.

Mit Menschen komme sie immer schnell ins Gespräch, erzählt Despina. Darum spricht sie inzwischen auch Deutsch, obwohl sie damals, als sie 1976 ihren Laden am Springerplatz eröffnete, kein Wort Deutsch gesprochen habe. „Die Frauen, die reinkamen, haben alle mit mir gesprochen, da habe ich die Wörter ganz schnell gelernt“, sagt Despina. „Außerdem gehe ich gerne spazieren, da trifft man auch immer Menschen.“

20140819_112840

Despina mit ihrem Mann Konstantinos. Foto: Dorte Huneke

Eine Frau mit einem Hund kommt in den Laden. Sie hat eine Hose mitgebracht, die eingerissen ist: „Ein einziges Mal habe ich diese Hose getragen und schon ist sie kaputt! Den Kassenzettel habe ich leider nicht mehr. Kann man da etwas machen?“ Despina mustert die Hose kurz und weiß sofort eine Lösung. Eine Doppelstichnaht muss her! „Dann geht nichts mehr kaputt.“ Den Namen der Frau notiert Despina auf einem kleinen Zettel. Aber der Name ist so lang, dass er kaum aufs Papier passt. „Schreib einfach: ‚Die Frau mit dem Hund‘“, schlägt Despinas Mann vor, der gut gelaunt seitlich der Ladentheke sitzt.

Konstantinos und Despina sind seit 50 Jahren verheiratet, seit 1971 leben sie in Bochum. In Griechenland wuchsen sie in zwei unterschiedlichen Dörfern auf, die 45 Kilometer voneinander entfernt liegen. Da kennt man sich eigentlich nicht. Despina hatte aber eine Tante, die jemanden in Konstantinos Dorf (Metalla) geheiratet hatte. Diese Tante erzählte dem jungen Konstantinos von ihrer schönen Nichte Despina – und die beiden wurden ein Paar. „Bis jetzt läuft’s gut“, erklärt Despina. „Und wir bleiben auch zusammen“, ergänzt Konstantinos.

20140819_112944

“Ich gucke nicht darauf, wo jemand herkommt, oder was er denkt. Ich schaue nur auf meine Arbeit”, sagt Despina.

Als Konstantinos in den 1960er-Jahren nach Deutschland ging, zunächst nach Stolberg bei Aachen, wollte Despina auf keinen Fall mitkommen. „Ich will doch arbeiten“, sagt sie. Zu Hause rumsitzen, Wäsche machen, staubsaugen, kochen, das sei nichts für sie. Dass sie in Deutschland Arbeit finden würde, konnte sie sich damals nicht vorstellen. Dann wurde sie Geschäftsfrau – und das Kochen teilen sich Despina und Konstantinos heute auf: In der Woche kocht er. Am Wochenende kocht sie.

Irgendwie kommen sie über die Runden. Es sei nicht viel, was sie haben, aber sie seien zufrieden, sagen sie. In Griechenland waren sie zuletzt vor fünf Jahren. Das sei dann eben doch teuer. Ein Bruder von Konstantinos lebt noch dort.

Konstantinos Mutter ist Lasin und wurde in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste geboren. Ihre Familie wurde Opfer des sogenannten Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei 1923. Ganze Dörfer sind damals neu entstanden. Die lasische Sprache hat Konstantinos Mutter ihren Kindern jedoch nicht weitergegeben. Vielleicht weil sie die Kinder mit den familiären Erinnerungen an die Vertreibung aus der alten Heimat nicht belasten wollte. „Mein Vater konnte sogar sieben Sprachen sprechen“, erzählt Konstantinos. „Türkisch, Kurdisch, Lasisch… Nur buchstabieren konnte er keine einzige.“

Konstantinos arbeitete in Deutschland viele Jahre lang als Hochdruckschweißer, unter anderem für Krupp, aber meist auf Montage. Bis die Arbeit ihn krank machte und er 1988 frühverrentet wurde.

20140819_110213

„Eigentlich sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir haben“. – Foto: Dorte Huneke

„Darf man schon gratulieren?“ – Eine gute Freundin von Despina und Konstantinos ist in den Laden gekommen. „Heute noch nicht!“, lacht Konstantinos. Er hat Lotto gespielt. Wenn er gewinnt, möchte er sich ein Haus und ein Stück Land kaufen.

„Aber eigentlich sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir haben“, sagt Despina. Ein Reißverschluss kostet bei ihr zwei bis drei Euro weniger als bei den Änderungsschneidereien in der Stadt. Früher habe sie auch Kleidung neu geschneidert. Das lohne sich aber nicht mehr. Heute steht an ihrem Laden: Änderungsschneiderei.

Geändert hat sich im Laufe der Jahre für Despina und Konstantinos sehr viel. „Viele Freunde von uns sind weggezogen. Einige sind auch schon gestorben“, sagt Despina. Damit sind auch die Kunden weniger geworden. „Die alten sind weg, die jungen Leute kommen nicht her.“ Manchmal kämen nur drei oder vier Leute am Tag in den Laden.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Die griechischen Gardinen halten seit über 15 Jahren. Foto: Dorte Huneke

„Klappt’s?“ – Despinas Nachbar schaut durch die Ladentür. Am Morgen hat er eine Jacke gebracht, die am Ärmel aufgerissen ist. Despina hält sie gerade in den Händen und behebt mit feinen Stichen den größten Schaden. „Das wird schon!“, sagt sie. „Prima“, sagt der Nachbar. „Sonst kleben wir sie einfach mit Marmelade!“

Und wenn mal nichts los ist? „Dann sitzen wir hier und machen Urlaub!“, lacht Konstantinos. „Und wir lesen Magazine“, fügt Despina hinzu und deutet auf den Stapel deutscher und griechischer Magazine auf einem Seitentisch.

Despina ist keine, die gerne aus dem Nähkästchen plaudert. „Es gibt gute Menschen und nicht so gute Menschen. Ich gucke aber nicht darauf, wo jemand herkommt, oder was er denkt. Ich schaue nur auf meine Arbeit“, sagt Despina.Vielleicht deshalb genießt sie die Freundschaft und das Vertrauen von so vielen Menschen in der Nachbarschaft.

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


Your Comment