„Ich habe gefunden, was zu mir passt“

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Alix Eisele, 55, in ihrer neuen beruflichen Heimat: Mondgesicht. Foto: Dorte Huneke

Alix Eisele zog vor drei Jahren von Stiepel in die Rottstraße im Westend: „Weil hier was los ist. Und weil hier jeder so leben kann, wie er will.“ Deshalb beschloss sie im vergangenen Jahr, auch ihre berufliche Zukunft im Westend zu verorten.

„Als ich jung war, wollte ich unbedingt eine große Künstlerin werden“, sagt Alix Eisele, gelernte Bildhauerin und freischaffende Künstlerin. Dann wurde sie Mutter und überhaupt kam vieles anders. „Als Mutter merkte ich schnell, dass es noch andere Dinge im Leben gibt, die wichtig sind. Vor allem musste ich Geld verdienen, um uns über Wasser zu halten.“ So arbeitete sie viele Jahre in der Gastronomie, bei einem Rechtsanwalt, in der Altenpflege, in einer KiTa. Seit Anfang 2014 leitet sie zusammen mit Sara Duldhardt das „Mondgesicht“, eine Großtagespflegestelle für unter-3-Jährige.

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Alix Eisele und Sara Duldhardt (l.) im „Mondgesicht“. Foto: Dorte Huneke

Durch ein großes Ladenfenster auf der Annastraße blickt man vom „Mondgesicht“ aus direkt auf den Springerplatz. „Wir sind sozusagen mittendrin“, sagt Alix Eisele. „Ich finde es wunderbar, einen freien Blick aus dem Fenster zu haben, mit den Augen nicht gleich auf die nächste Hauswand zu stoßen.“ Auch der Weg von draußen zum „Mondgesicht“ sollte möglichst unverstellt sein: „Wir wollten keine schweren Wände, die uns abschotten, und keine Treppenstufen. Es führt ein gerader Weg zu uns.“

Das Westend erinnert Alix Eisele manchmal an Berlin-Kreuzberg, das sie sehr liebt. In beiden Stadtteilen sind viele unterschiedliche Kulturen und Lebensstile zu Hause. Das unmittelbare Nebeneinander von Kunst, Kultur und wirtschaftlichen Unternehmen, Kneipen, Wäschereien fasziniert sie. „Es gibt außerdem einen starken Dorfcharakter, den ich sehr liebe. Man kennt sich. Die Menschen sprechen auf der Straße miteinander. Das passiert einem in Stiepel selten. Vielleicht nie.“

Am Ladenfenster laufen auch diejenigen vorbei, die am Kiosk nebenan ihr tägliches Bier kaufen. An den Wochenenden öffnet um die Ecke die Methadonstation. „Im Westend leben mehr arme Seelen als beispielsweise in Stiepel“, sagt Alix Eisele. Das kann manchmal schwierig sein. Aber ich liebe diese Mischung an Menschen. In der Stadtmitte sind außerdem die Mieten idiotisch teuer.“

Mit 40 Jahren wollte Alix Eisele nicht mehr jobben, dies und das machen. Ein fester Job sollte her. Aber das war gar nicht so einfach. „Für Frauen um die 40 wird es auf dem Arbeitsmarkt dünn. Einen festen Job in der Gastronomie zu bekommen, ist fast unmöglich.“ Mehrere Jahre arbeitete sie als Altenpflegerin. „Irgendwann habe ich es nur noch schwer ertragen, dass man von den alten Menschen ja Abschied nehmen muss. In den fünf Jahren, die ich als Altenpflegerin gearbeitet habe, sind einige gestorben.“ Auch die körperliche Belastung wurde irgendwann zu groß. In einer KiTa arbeitete sie mit kleinen Kindern. „Das ist überhaupt das größte Geschenk!“ Aber es müssen viele Dinge passen, wenn die Arbeit glücklich machen soll: Die Kollegen, die Strukturen, die Zeiten. Kurzum: Alix Eisele beschloss, sich selbst einen Arbeitsplatz zu schaffen – und einen Ort, an dem sie gerne arbeitet. „Heute bin ich 55 und habe gefunden, was zu mir passt.“

SAMSUNG CAMERA PICTURES„Den Laden hier habe aber ich für euch gefunden!“, wirft Alix’ Sohn Gideon ein, der mit uns am Tisch sitzt und für seine Mutter am Computer gerade ein Plakat grafisch gestaltet. „Ja, stimmt“, sagt Sara Duldhardt, die ihm gegenübersitzt. „Und mich hast du auch hergeholt. Eigentlich wollte ich ja gar nicht weg von Mönchengladbach.“

Sara, 31, ist Kulturpädagogin und hat eine neunjährige Tochter. Seit mehreren Jahren ist sie mit Alix’ Sohn Gideon zusammen, 2013 kam sie nach Bochum. Ins Westend. „Eigentlich bin ich nur hier gelandet, weil alle, die ich kenne, auch hier wohnten.“ Ihre Wohnung liegt, wie die von Alix, gleich um die Ecke. Leben und Arbeit ist für beide fast eins geworden. „In allen pflegenden Berufen ist es, finde ich, wichtig, dass man kurze Wege zur Arbeit hat“, sagt Alix. Es kann immer mal vorkommen, dass jemand krank wird oder eine Mutter ihr Kind früher bringen muss.“

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Seit sprichwörtlichen 80 Jahren Künstlerin: Alix’ Mutter gestaltet die Wände des “Mondgesicht”-Hofes. Foto: Dorte Huneke

Wenn es WGs für unter-3-Jährige gäbe, sähen sie wahrscheinlich ähnlich aus wie die Räume im „Mondgesicht“. Im Wohnzimmer gibt es ein Sofa und eine Küchenzeile und einen großen, langen Tisch, an dem alle Großen und Kleinen Platz haben: Hier wird gegessen, genascht und Gemüse geschnippelt, es wird gemalt und gebastelt, in den Pausen werden die Abrechnungen gemacht, Konzepte entwickelt, Kaffee getrunken, Gespräche mit Eltern geführt. „Wenn es mit den Eltern klappt, klappt es mit den Kindern sowieso.“ Wie die Bevölkerung im Westend haben die Kinder im „Mondgesicht“ deutsche, syrische, marokkanische, russische und andere Wurzeln. Auch das Kind der Stadtschreiberin ist dabei.

„Es kam allerdings auch schon vor, dass uns ein Vater gegenübersitzt, der sein Kind zu uns bringen will, aber während des Gesprächs mehrmals fragt, wo denn nun der Chef sei, also der Mann im Haus“, erzählt Alix Eisele. Da stoße sie an ihre Grenzen. „Ich lasse gerne jedem seine Art zu leben. Verändern werden sich die Menschen in dem Alter nicht mehr, davon bin ich überzeugt.“ Dann kann man sich ja auch aus dem Weg gehen. „Wobei: Männer haben wir natürlich auch im Haus. Aber unser Chef sind wir selbst.“

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 


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