Die Alte Post ist neu

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Die neue Alte Post an der Normannenstraße, Ecke Kohlenstraße.

Am Freitag um halb zwei platzen die neuen Räume der Alten Post aus allen Nähten. „Wir waren extra schon ganz früh hier“, sagt Angelika Radovanovic, die mitten im Gewühl einen Platz ergattert hat. „Das haben wir uns schon gedacht, dass es voll werden würde.“ Goldhamme hat einen neuen Stadtteiltreff – und die Bewohner freuen sich. „Seit Wochen und Monaten haben wir das hier beobachtet. Ist doch schön, dass es jetzt endlich soweit ist!“, sagt Radovanovic. Sie ist mit ihrer Mutter, ihrer Tochter und ihrer Enkelin gekommen. „Vier Generationen! Wir wohnen alle hier, ganz in der Nähe.“ Ihre Namen klingen allerdings eher nach einer Weltreise: Krämer, Radovanovic, Coskun. „Ja, wir sind eine richtige Multi-Kulti-Familie“, sagt Radovanovic. „Ich war mit einem Jugoslawen verheiratet, meine Tochter ist mit einem Türken verheiratet und Laura will ihren besten Freund aus der Schule heiraten, der kommt aus Kamerun.“ Laura ist neun.

Ganz in der Nähe lebte vor einigen Jahrzehnten auch Ifak-Vorstand Ulrich Pieper. Als Student habe er im Haus gegenüber gewohnt, erzählt er. Von dort habe er die Klappe des Briefkastens immer zuschlagen hören, wenn jemand dort einen Brief eingeworfen habe. Das muss ziemlich oft passiert sein. Jedenfalls in Piepers Erinnerung. Den gelben Briefkasten gibt es heute noch vor der Alten Post. Ansonsten ist alles anders. Neue Farben, neue Wände, neue Leute, neues Konzept.

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Ursula Krämer, 80, mit ihrer Tochter Angelika Radovanovic (l.), und ihrer Enkelin Melanie Coskun. Urenkelin Laura, 9, spielt draußen.

Wobei das Konzept noch recht offen ist. Die Bewohner sollen es mitgestalten. „Ein paar Ideen haben wir natürlich“, erklärt Ditte Gurack. Bildung sei das zentrale Element. „Vor allem aber wollen wir unser Programm nach den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen hier richten.“ Deshalb liegt in einem Raum ein runder Zettel aus, auf dem die Besucher aufschreiben sollen, welche Angebote sie sich wünschen. Geplant sind ein Café, Bücher-, Rezept-, Gedicht- und Sportbörsen, Talentschmieden und einiges mehr. Gurack gehört mit Roman Gerhold und Ramazan Yılmaz zu dem Ifak-Team, das die Alte Post in den kommenden Monaten bespielen wird.

Auf einer Flipchart werden Namen für die neue Alte Post gesammelt. „Post-Treff“, „Weltpost“. Warum eigentlich? „’Alte Post’ ist doch perfekt“, findet ein T-Shirt-Turnschuh-Träger, Typ Student. Das finden zum Glück noch andere und schreiben „Alte Post!“, „Alte Post!“ auf die Liste.

„Zum Kaffeetrinken kommen wir auf jeden Fall mal vorbei“, sagt Radovanovic. Den Rest müsse man dann mal sehen. Die neue Alte Post will das Leben in Goldhamme schöner machen, einen Treffpunkt bilden. Was könnte oder sollte denn schöner sein? „Mehr Grün, das wäre schön“, meint Radovanovic. Spielplätze gebe es eigentlich genug. Ihre Tochter nickt zufrieden. Arbeit sei natürlich schwer zu finden hier. Radovanovic ist frühverrentet, ihre Tochter auf Arbeitssuche. Aber was soll man machen. „Ich wünsche mir eigentlich nur, dass ich in Goldhamme 100 Jahre werden kann“, sagt Radovanovics Mutter, Ursula Krämer, 80 Jahre alt.

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Hereinspaziert! Ditte Gurack gehört zum Gastgeber-Team der Alten Post. Foto: Dorte Huneke

Hinter einer weißen Säule treffe ich Ulrike Königs, die ich vor ein paar Wochen in einer Bäckerei kennengelernt habe (>>Etwas Schönes in Goldhamme). Sie ist mit Freundinnen hier, die sie vom Seniorenfrühstück im Jochen-Klepper-Haus kennt. Eine lebt seit 40 Jahren in Goldhamme, eine andere sogar seit 60 Jahren, eine Säuglingsschwester aus Ost-Berlin. „Weil meine Tante damals krank wurde, bekam ich eine Ausreiseerlaubnis“, erzählt die Berlinerin. So sei sie nach Goldhamme gekommen. „Um sie zu pflegen.“ Dann sei sie einfach im Westen geblieben. Berlin habe sie nie vermisst. „Aber immer Pakete nach Hause geschickt.“ In Bochum arbeitete sie in einem Heim für uneheliche Kinder. Viele uneheliche Kinder: „Damals gab es ja die Pille noch nicht.“ Und offenbar wenig Möglichkeiten jenseits der gesellschaftlichen Konventionen zu leben.

Unkonventionell und jenseits von Kommerz soll das Leben in der neuen Alte Post sein. Eine offene Café-Atmosphäre wünscht sich Ditte Gurack. „Wir wollen verschiedenen Gruppen in der Nachbarschaft die Möglichkeit geben, sich hier zu treffen.“ Frauen, Kindern, Männern, mit oder ohne Arbeit, mit unterschiedlich vielen Sprachen, Kenntnissen, Problemen, Ideen. Roman Gerhold spricht von verborgenen Ressourcen im Revier, an die er glaubt.

Wir sehen uns bald im Café!

 

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


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