Heute war Westendfest

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„Wir tanzen!”: Das „Mondgesicht” kam mit seinem unter-3-jährigen Team auf die Bühne. Unter die Bühne. Neben die Bühne. Foto: Holger Nollmann

Einmal im Jahr sind Bauchtänzerinnen auf dem Springerplatz. „Letztes Jahr war ich auch dabei!“, sagt Christine. Sie strahlt begeistert und deutet einen Hüftschwung an. Orientalische Rhythmen schallen über den Platz. Heute steht Christine im Publikum und hat ihre wenige Monate alte Tochter in der Bauchtrage.

Einmal im Jahr, zum siebten Mal schon, zeigen jede Menge Bewohnerinnen und Bewohner des Westends, wer sie sind und was sie machen, können und geschaffen haben. „Wir entführen Sie an die Nordsee, wo die Wellen an den Strand spülen, wir fliegen über Helgoland, gehen auf die Seereise, einmal nach Bombay, einmal nach Hawaii. Wir singen über die vielen Lieben der Matrosen und über ihre Sehnsucht nach einer Heimat“, sagen die Bochumer Ruhrkadetten über sich selbst. Die Jungs sind zwar nicht aus dem Westend, aber, ich glaube, jedes Mal dabei. So wie Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, die nach eigener Aussage gerne ins Westend kommt, „weil es hier so bunt ist“.

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„Weil es hier so bunt ist“, kommt OB Ottilie Scholz immer gerne ins Westend. Foto: Dorte Huneke

Das hat die OB allerdings an einem anderen Tag gesagt. Die Stadtschreiberin hat den Beginn des Festes verpasst, der Sohn machte Mittagsschlaf.

Verpasst hat sie damit auch die Projektgruppe aus dem Marienstift, die erzählte, wie unterschiedliche Generationen über Sex denken, Sex haben, und von mehrmals gebrauchten, ausgewaschenen, gebügelten Kondomen.

„Schön ist doch, dass es heute nicht noch mehr geregnet hat“, sagt Jörg Mathern. Er ist mit seiner Frau aus Gelsenkirchen gekommen. Im Westend gefällt ihm am besten der Abendmarkt. „So eine schöne Atmosphäre! Dafür kommen wir auch gerne mal aus Gelsenkirchen angereist. Sowas gibt es ja sonst nirgendwo.“ Das hören wir im Westend natürlich gerne, wobei es nicht ganz stimmt. „Ach was, einen Abendmarkt gibt es in Gelsenkirchen auch!“, korrigiert ihn seine Frau Sabine Jäger-Mathern. Sie blättert durch ein großes Buch. „Meine Kunst für Dich … Sanatım senin için … My art work for you …“ steht darauf. Die Bildhauerin Dorothee Schäfer hat Frauen unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft gefragt, was denn eigentlich Kunst ist und welche Rolle die Kunst für uns hier im Stadtteil spielt. Alle Beteiligten brachten etwas von zu Hause mit. Nur eine Frau erklärte: „Ich habe nichts, keine Kunst, die fängt nur Staub.“ Wie alle anderen Beiträge ist dies fein säuberlich im Buch eingetragen.

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„Ich habe keine Kunst, die fängt nur Staub.“ – Dorothee Schäfer, Mitte, bekam in ihrem Projekt „Meine Kunst für Dich … Sanatım senin için … My art work for you …“ verschiedendste Antworten auf ihre Frage, was uns Kunst bedeutet. Foto: Dorte Huneke

„Wir wollten eigentlich gar nicht hierher kommen“, sagt Jana, 14. „Meine Tante hat uns überredet. Dafür kauft sie uns gleich Kuchen.“ Für die Hüpfburg ist sie zu alt. Aber als die Musiker aus der Alevitischen Gemeinde fast die Lautsprecher sprengen, tanzt sie ein bisschen mit.

Getanzt wird auch im Bierwagen, den die Ehrenamtlichen aus dem Albert-Schmidt-Haus mitgebracht haben. Für die Kleinsten gibt es Kinder-Bier – eine Limonade. “Hier bleibt doch niemand unversorgt, wo kommen wir denn hin!”, lacht Erika Koch.

Hinkommen ist ein gutes Stichwort. Wie sind die Leute hier eigentlich ins Westend gekommen, fragt die Stadtschreiberin mal quer in die Runde.

„Ich kam vor 56 Jahren ins Westend“, erzählt Frau Beiwel, 85 Jahre alt. „Wir suchten damals eine Wohnung. Das war gar nicht einfach. Schon gar nicht für eine Familie mit drei Kindern.“ In der Rottstraße seien sie schließlich fündig geworden. „In dieser Wohnung lebe ich heute noch. Wir sind nie umgezogen!“ Gleich nebenan hatte sie mehrere Jahre ihre Schneiderwerkstatt.

„Mir gefällt, dass das Westend so bunt ist, multikulturell“, sagt Minu Kansy. „Ein Bäcker fehlt allerdings. Jedenfalls bei mir in der Nähe.“

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Ein Kunst(hand)werk aus einem Wohnzimmer im Westend. Foto: Dorothee Schäfer

SAMSUNG CAMERA PICTURES„22 Wohnungen haben wir uns angeguckt. Dann fanden wir unsere Wohnung im Westend, die war eindeutig die schönste. Deshalb sind wir hier“, sagt Iris Kühnapfel. „Außerdem haben wir hier unsere Hochzeit gefeiert“, erzählt sie und zeigt auf den Bunker. „Damals war im Bunker die „Bastion, eine Low Budget Art Bar, mit Kinosaal, das war 2006.“ Iris Kühnapfel freut sich, dass sich so viel tut im Westend. Aber der Abendmarkt, von dem alle schwärmen, ist ihr zu elitär. „Der passt nicht hierher. Die Leute von hier gehen nicht hin. Ich finde den Markt befremdlich. Wenn ich da rüber laufe, denke ich manchmal: hier passe ich gar nicht hin.“ Was ihr fehlt im Westend? „Die Sauberkeit auf den Spielplätzen! Wir haben so tolle Spielplätze, das ist wirklich großartig. Aber der Müll ist wirklich ärgerlich.“

Für Stadtplaner Karsten Schröder ist der Max-und-Klara-Spielplatz, den alle “Drachenspielplatz” nennen, der schönste Ort im Westend. „Das ist der Ort, an dem das Zusammenleben zuallererst funktioniert hat. Da sitzen türkische Eltern neben deutschen Eltern auf Picknickdecken… Ach was, diese Zuschreibungen ‚deutsch‘ und ‚türkisch‘ kann man hier eigentlich schon streichen.“ Was dem Westend fehlt? „Ein gutes Image”, sagt Karsten Schröder. „Das Westend hat seit dreißig, vierzig Jahren einen schlechten Ruf. Das ist wirklich schade.“

„Nur der Wandel in den Köpfen schafft kreative Füße“, sagt Herr Genser aus Bochum-Hiltrop. „Ist dieser Satz von Ihnen?“ Herr Genser nickt. Die Stadtschreiberin notiert in ihr Buch. „Mir gefällt, dass das Viertel im Wandel ist“, sagt Genser. „Hoffentlich wird nicht alles teurer, weil jetzt auch andere Leute herkommen.“ Ganz wichtig finde er den Moltkemarkt. „Unterstreichen Sie den Namen bitte. Weil ich ihn gut finde!“ Darüber wird ja viel gestritten. „Der Markt zieht Leute aus anderen Vierteln an, auch weil es sehr gute Lebensmittel gibt. Das ist eine klare Aufwertung fürs Westend.“ Dass wir das alles aufschreien, findet er gut. Deshalb noch einen Satz zum Mitschreiben: „Chronik ist immer die Seele des Ganzen.“

„Ein Viertel, das sich bewegen lässt, bewegt auch Menschen, und fordert Menschen auf, ihre Möglichkeiten zu realisieren“, sagt Ulrich Dröghoff, ebenfalls druckreif. Dröghoff hat viele Jahre das Albert Schmidt Haus geleitet. Zum Auftakt des Festes schmetterte er beim Auftritt der Ruhrkadetten ein Solo, von dem beeindruckte Besucher viel später noch erzählen: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins…“ Sein Lieblingsort im Westend ist natürlich das Albert Schmidt Haus. „Weil ich dort viele Möglichkeiten habe, mit vielen unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Dinge zu machen.“

Zu diesen unterschiedlichen Leuten gehört Rita Stüter, 76 Jahre alt. „Mein Lieblingsort ist das Albert Schmidt Haus! Weil ich dort wohne und weil es mir dort sehr gut gefällt. Es ist ein guter Ort, um älter zu werden, selbstständig zu bleiben, in Gemeinschaft zu leben“, sagt Rita Stüter, die 22 Jahre lang Presbyterin war und die Frauenhilfe in der Dibergstraße geleitet hat. „Ich bin ein Hordentier, das die Gemeinschaft braucht.“

[Fortsetzung folgt]

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 


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