Durch Goldhamme mit Marcus Kiel

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„Das Leben war hier irgendwie unkompliziert, so unbeschwert“: Der Künstler Marcus Kiel vor dem Haus in Goldhamme, in dem er aufgewachsen ist. Foto: Dorte Huneke

Das Leben in Goldhamme sei für ihn als Kind unkompliziert, unbeschwert gewesen, erzählt Marcus Kiel. Ich treffe den Künstler zu einem Spaziergang durch Goldhamme – ein Viertel, von dem die meisten Bochumer glauben, das Leben dort sei eher kompliziert und beschwerlich. Doch das ist alles eine Frage der Sichtweise, findet Marcus Kiel.

Startpunkt unseres Spaziergangs ist das Haus mit der Nummer 105 auf der Goldhammer Straße. Hier ist Marcus Kiel aufgewachsen. Viel Fußball, viele Freunde, viel Freiraum. „Hinten in den Gärten waren fast überall Teppichstangen. Wenn die nicht belegt waren, konnte man sie prima als Fußballtore benutzen.” Das Haus selbst sieht noch genauso aus wie damals. Marcus Kiel freut sich, dass der Vorgarten so liebevoll gestaltet ist. Von der Haustür aus links liegen die Bahngleise, dahinter steht heute ein Fabrikgebäude. „Früher war der Blick über die Gleise frei und man konnte bis zur Zeche Hannover sehen“, erzählt Marcus Kiel. Seine Augen strahlen, denn zur Zeche Hannover hat er ein besonderes Verhältnis.

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„Hier habe ich die Grundlagen fürs Leben gelernt!“ – Marcus Kiel erinnert sich an seine Zeit als Grundschüler an der Maarbrücke. Foto: Dorte Huneke

Auf dem Vorplatz zwischen dem Tor und dem Gebäude der Zeche Hannover erstellte er Ende der 1990er-Jahre seine Installation „Fortschritt“: 350 Paare ausrangierter Bergarbeiterschuhe, die in Schrittstellung von rechts nach links ziehen, sind dort zu sehen.  Die Schuhe markieren die Wege, die die Arbeiter gegangen sind, von der ehemaligen Waschkaue zum ehemaligen Förderturm. Und jeder Schuh, der dort zu sehen ist, ist diese Wege tatsächlich gegangen, vielleicht hundert Mal. Denn jedes einzelne Paar hat er von Zeitzeugen, ehemaligen Bergarbeitern, erfragt und bekommen. Viele hundert Lebensgeschichten hat er dabei erfahren. Diese persönlichen Geschichten – und ihre Bedeutung für unsere Gegenwart – sind der Werkstoff seiner künstlerischen Arbeit. Die Installation „Fortschritt“ gehört zu einer größeren Arbeit, die den mehrdeutigen Titel „Altes Eisen“ trägt.

Bei unserem Spaziergang erzählt Marcus Kiel, 1964 geboren, von den Wegen, die er selbst in der Vergangenheit hunderte Male gegangen ist. Zum Beispiel den Weg zum Bolzplatz. „Hier habe ich überall geklingelt, um die anderen zum Fußballspielen rauszuholen“, erzählt er, als wir die Goldhammer Straße hochgehen. In diesem Teil des Viertels fahren kaum Autos, die Essener Straße wirkt meilenweit entfernt. Es fällt also leicht, sich vorzustellen, wie Marcus Kiel als kleiner Junge mit dem Ball unterm Arm bis zu seiner Grundschule an der Maarbrücke lief, um dort auf der Wiese Fußball zu spielen. „Den ganzen Tag haben wir dort mit den Nachbarjungs gepölt!“

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Das Unbeschwerte sei für ihn hier immer noch spürbar, sagt Marcus Kiel: Die Schule an der Maarbrücke. Foto: Dorte Huneke

Die Wiese hinter der Schule gibt es immer noch. Als wir dort ankommen, beginnt gerade die große Pause, die Schulkinder verteilen sich über die Wiese, den Schulhof, Klettergerüste und Bänke unter Bäumen. Der DFB hat den Kindern außerdem einen kleinen umzäunten Fußballplatz mit Toren zur Verfügung gestellt. „Fußball ist Zukunft“ steht dort.

„Wie weitläufig das hier immer noch ist!“, freut sich Marcus Kiel. In Goldhamme war er seit seiner Kindheit immer mal wieder. An seiner Schule ist er seit über dreißig Jahren zum ersten Mal. Das zum Teil über hundert Jahre alte Schulgebäude bekam vor drei Jahren einen neuen, knallbunten Anstrich, nachdem es lange grau und schmuddelig beige gewesen war, wie die WAZ es nannte. Das Unbeschwerte sei für ihn hier immer noch spürbar, sagt Marcus Kiel.

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„Unmöglich!“ sagen die einen über die Fassadengestaltung. „Wunderbar lebendig!“, sagt Marcus Kiel, der die Vielfalt und das Eigenständige in Goldhamme liebt. Foto: Dorte Huneke

„Darf ich fragen, was Sie hier machen?“ Eine Lehrerin guckt uns freundlich, aber irgendwie auch sehr erstaunt an. „Dieser Mann ist ein ehemaliger Schüler dieser Schule! Wir wollten schauen, wie es heute hier aussieht.“ Die junge Lehrerin möchte natürlich auch wissen, wie es denn damals ausgesehen habe. Eigentlich genauso schön, nur in anderen Farben. Dann sollen wir uns aber doch auch das Gebäude von innen anschauen. Kurz darauf sitzt Marcus Kiel in einem Klassenraum auf einer kleinen Schulbank vor einer Tafel mit Schwamm und Kreide – und sieht irgendwie glücklich aus.

Nachmittags habe er mit seinen Freunden oft Kastanien gesammelt – für den ehemaligen Schulleiter, der ein Wildschweingehege in Weitmar hatte. „Pro Sack bekamen wir eine Mark“, erinnert sich Marcus Kiel.

Wir gehen weiter. Die Straße, die wir entlang gehen, ist vor allem eines: uneinheitlich. Einige Häuser sind unglaublich aufgemöbelt, andere verfallen. Wir laufen an vielen teuren Autos verbei. In einem Vorgarten ist der Rasen wie mit der Nagelschere gestutzt. In anderen Häusern sind die Rolläden heruntergelassen – und scheinen seit Jahren so zu verharren. Marcus Kiel findet diese Mischung aus alten Spuren und neuem Leben, sogar die teils ungelenke Umgestaltung alter Bauten faszinierend. Zum Beispiel: Das Haus an der Ecke, wo die Kohlenstraße  auf die Wattenscheider Straße stößt. „Eine unmögliche Fassadengestaltung!“, finden die einen. Billiges Baumarktmaterial sei das, unprofessionell angebracht, unschön, unpassend zur Umgebung. Marcus Kiel sieht in der kreativen Ladengestaltung ein Stück gegenwärtiger Geschichte. „Es muss doch nicht immer alles gleich aussehen. Da steckt doch auch Lebendigkeit hinter, etwas Persönliches.“

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Marcus Kiel im Gespräch mit Mustafa Yılmaz (Mitte) und Roman Gerhold in der neuen Alten Post. Foto: Dorte Huneke

Unser Weg führt an der neuen Alten Post vorbei. Die Eröffnung des Stadtteiltreffs vor wenigen Wochen hat Marcus Kiel leider verpasst, aber das Gebäude kennt er gut. „Das war doch meine alte Post!“ Als es die Postfiliale nicht mehr gab und die Räume lange leerstanden, habe er kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, sich dort ein Atelier einzurichten. Daraus ist dann doch nichts geworden, Marcus Kiel ging in andere Räume. Und heute gehen wir zusammen in die Räume der neuen Alten Post!

„Heute Morgen sind wir eingezogen! Eben sind unsere Schreibtische gekommen“, freut sich Ramazan Yılmaz, der mit Roman Gerhold und Ditte Gurack die Alte Post leitet. Geöffnet und in Betrieb ist die Alte Post aber schon seit der Eröffnung Ende August. „Es waren schon viele Leute aus der Nachbarschaft hier, die wissen wollten, was wir machen. Auch Leute mit eigenen Ideen“, erzählt eine weitere Mitarbeiterin. Die meisten freuen sich darauf, einen Ort zu haben, an dem man andere Menschen trifft, zusammen Kaffee trinken kann. Manchmal kennt man ja die eigenen Nachbarn nicht – vor allem wenn sie andere Sprachen sprechen, aus anderen Ländern gekommen sind. „Eine Frau wollte von mir wissen, worüber wir Türken eigentlich lachen.“ Die Mitarbeiterin hinter dem Tresen, die ich beim nächsten Mal nach ihrem Namen frage, lacht. „Was für eine schwierige Frage! Wir lachen, wenn etwas lustig ist!“ Und worüber lachen die Deutschen? Es gibt viel herauszufinden.

Terminhinweis: Am 14. November 2014 wird das Kunstwerk am neuen Radwegetunnel (Ecke Alleestraße/Wattenscheider Straße)  von Marcus Kiel durch die Stadt Bochum offiziell eröffnet. Die Uhrzeit wird noch bekannt gegeben. >>Ein Teil von mir, ein Teil vom Westend

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 


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