Die Cramerstraße ist sein Zuhause: Hans-Jürgen Burkat

SAMSUNG CAMERA PICTURES

In der Cramerstraße 39 besuchte Hans-Jürgen Burkat als Kind oft seine Großeltern. Heute hat er dort seine Wohnung und sein Architekturbüro. Foto: Dorte Huneke

Als Hans-Jürgen Burkat vor ein paar Jahren den Auftrag bekam, die leerstehende Martinikirche in Goldhamme zu vermessen, stieß er unverhofft auf ein Dokument seines Großvaters, der kurz nach dem Krieg als Malermeister für die Martinikirche arbeitete. Der Architekt Burkat findet in seinem Viertel immer wieder Spuren der Vergangenheit – und entwickelt Visionen für die Zukunft.

Die Cramerstraße ist sein Zuhause. Im Haus mit der Nummer sieben habe früher ein Milchbauer gewohnt, erinnert sich Hans-Jürgen Burkat. Große Kannen aus Blech haben dort vor der Tür gestanden. „Wenn ich meine Oma hier in Goldhamme besuchte, haben wir hier unsere Milch gekauft!“ Hans-Jürgen Burkat wuchs in einer hessischen Kleinstadt auf und kam erst zum Studium nach Bochum. Aber seine Großeltern lebten in der Cramerstraße 39. Dort besuchte er sie oft. Als Student zog er bei seiner Großmutter ein. Heute hat er im selben Haus auf zwei Etagen seine Wohnung und ein Architekturbüro.

Die Häuserfassaden auf der Cramerstraße erzählen Geschichten, wenn man mit einem Architekten daran vorbeigeht: „Das hier ist ein typisches Bürgerhaus“, erklärt Burkat und zeigt auf die steinernen Ornamente. Fratzen. Verzierungen, die zum Teil bunt übermalt wurden. „Und hier sehen Sie noch die Splittereinschläge der Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Grobe Löcher sind an den Hauswänden zu sehen. Hier und da und da und da… Ganz schön viele, wenn man einmal darauf achtet.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

„Man sollte wohl auch sehen, dass das etwas Unperfektes war.“ – Der Turm der St. Anna-Kirche besteht aus roten Backsteinen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Umgebung gefunden wurden. Foto: Dorte Huneke

An der Cramerstraße 10 liegt die Katholische Kirche St. Anna. Ein roter Backsteinbau mit einem markanten Turm: „Haben Sie sich den Turm einmal genau angeschaut?“ Eckig und rot ragt er in die Höhe. Die Wände des Turms sind sehr uneben. „Für den Turm wurden Steine verwendet, die man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hier gefunden hat“, erklärt Burkat. Sie wurden auch nicht glattgeschliffen. „Man sollte wohl auch sehen, dass das etwas Unperfektes war.“ Die Spuren des Krieges.

Unperfekt ist Goldhamme auch heute. Der Stadtteil wird vor allem mit sozialen Problemen in Verbindung gebracht. Die Bewohner beschweren sich über Schäden, Müll, chaotisches Parken. Am Straßenrand liegen Baumstämme und Zweige – Überbleibsel des großen Sturms im Juni. Es sieht tatsächlich ein bisschen so aus, als würden die Aufräumfahrzeuge, die seit dem Sturm ohne Pause arbeiten, hier zuletzt ankommen.

Am Ende der Straße treffen wir Lars Röttger, seit zwei Tagen ist er der neue Quartiershausmeister von Goldhamme. „Ich mache heute meinen zweiten Spaziergang“, erzählt er. Einen Block und einen Stift hat er dabei. „Ich laufe herum, gucke genau hin und schreibe auf, was mir auffällt, was nicht in Ordnung ist. Dann gebe ich die Liste ab – und mal schauen, was daraus wird.“

20140916_110348

Unterwegs mit Hans-Jürgen Burkat (rechts) treffen wir Lars Röttger auf seinem zweiten Spaziergang als Quartiershausmeister. Foto: Dorte Huneke

Seine Ansprechpartner sitzen beim Grünflächenamt und beim Ordnungsamt. Flyer hat er auch schon verteilt. „Damit die Leute wissen, dass es mich gibt.“ Reparieren und räumen muss der Quartiershausmeister nicht. Aber beschweren darf man sich bei ihm. Und mit ein bisschen Glück kriegt Lars Röttger die Mängel gerade gebogen.

„Schauen Sie mal! Hier vorne am Haus sind kleine Bienenornamente zu erkennen“, ruft Hans-Jürgen Burkat. „Hier könnte ein Imker gewohnt haben. Oder der Vorsitzende der Imker-Innung.“ Die Blumen am Nachbarhaus könnten darauf hindeuten, dass dort ein Gärtner gewohnt hat.

Ein paar Straßen weiter steht ein altes Haus, das dem Architekten-Auge auffällt, weil es eine 5er-Teilung hat: Fünf Fenster an der Hausfront. Die meisten haben vier. „Die 5er-Teilung spricht dafür, dass dieses Haus jüdischen Ursprungs ist.“ Gleich gegenüber beginnt die ehemalige Zechenhaussiedlung. Typischerweise waren hier auf einer Etage vier Wohnungen untergebracht, mit Hauseingängen an allen vier Ecken.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Der legendäre Lebensmittelladen Dessel, leider geschlossen. Foto: Dorte Huneke

Ein paar Meter weiter hat das erfolgreiche Einrichtungshaus Blennemann einmal ganz klein begonnen. Neben dem Stammhaus mit dem wunderbaren alten Schriftzug ist heute ein Lager des Möbel-Riesen untergebracht. Und noch ein paar Meter weiter schmückt das alte Firmenschild des Lebensmittelladens Dessel in schwungvollen Lettern die Straße. Die Rollläden sind fest geschlossen, als würden die alten Zeiten schlafen.

Hans-Jürgen Burkat ist hellwach. Neben dem Geschäft der Familie Dessel lenkt er meinen Blick auf den Boden. „Schauen Sie sich diese Steine einmal genau an! Das ist noch ganz altes Pflaster. Aus Ruhrsandstein!“ Möglicherweise sind dies die einzigen und letzten dieser Steine in der Goldhammer Pflasterung. An der unebenen Oberflächenstruktur erkennt Burkat die Fahrspuren der Pferdewagen. Einige Steine wurden durch neuere ersetzt. Aber der Grundbestand ist historisch. „Ist das nicht wunderbar?!“, sagt Hans-Jürgen Burkat. Die gesamte Straße muss einmal so ausgesehen haben. Burkat fürchtet jedoch, dass nicht alle seine Sicht auf dieses alte Stück Straße teilen und deshalb die Pflasterung bald durch neue Steine, ebenere Oberflächen ersetzt wird. „Oder das Stück wird einfach zugeteert.“

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Vier, fünf Quadratmeter Geschichte auf der Straße An der Maarbrücke: altes Pflaster aus Ruhrsandstein. Ließe sich das nicht für die Neugestaltung der neuen Stadtteil-Mitte verwenden? Foto: Dorte Huneke

Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen.

In Goldhamme wird sich in den nächsten Jahren viel verändern. Mehrere Millionen Euro werden in den Stadtumbau gesteckt. Und die Bürger sollen mitentscheiden, was und wie gebaut und verbessert werden soll. „Eine großartige Chance!“, sagen die einen. „Uns fragt ja eh keiner. Und wenn, dann machen die trotzdem nur das, was sie wollen“, sagen die anderen. Damit die Wünsche und Ideen der Bürger nicht untergehen, wurde eine Bürgerinitiative Goldhamme gegründet. Hans-Jürgen Burkat war bei dem Treffen dabei, zu dem ganz spontan fast fünfzig Leute kamen.

Ein zentraler Platz im Viertel soll gestaltet werden. Hier könnte die historische Pflasterung aus der Straße An der Maarbrücke eingezogen werden. Viele Bewohner äußern zudem immer wieder den Wunsch nach Orten, an denen sie Nachbarn treffen können, wo man Kaffee trinken kann.

Unklar ist auch, was aus der denkmalgeschützten, aber seit vielen Jahren leer stehenden Martinikirche werden soll. Das Herz vieler Bewohner hängt an diesem Gebäude, an dieser Kirche. „Wenn nichts passiert, ist diese Kirche mit ihrem Kulturgut dem Verfall preisgegeben“, erklärte Burkat bereits 2010 und startete eine Unterschriftenaktion. Darin stand: „Mit meiner Unterschrift zeige ich an, dass mir die Martinikirche nicht egal ist und ich die Idee der vier Unterzeichner, die Martinikirche zu erhalten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, ideell und/oder materiell unterstütze.“

20140917_125539

Bei der Vermessung der Martinikirche stieß der Architekt Hans-Jürgen Burkat auf eine Rechnung seines Großvaters Otto Burkat aus dem Jahr 1948.

Drei Jahre später war Burkat Mitinitiator eines Studierendenwettbewerbs zur „Metamorphose der Martinikirche“. 150 Studierende beteiligten sich an der Ausschreibung. Doch das Kirchengebäude steht weiterhin still.

Einen alten Holzaltar hat Burkat in der Kirche entdeckt – mit aufgemalten Ornamenten, offensichtlich aus einer Zeit, in der nicht viel Geld da war. „Und heute sehr wertvoll”, betont Burkat. Bei Veranstaltungen in der Martinikirche wird auf dem wertvollen Stück heute manchmal das Catering platziert. Und ein Taufstein, aus dem die silberne Schale bereits entwendet wurde, steht ebenfalls eher unbeachtet dort.

Hans-Jürgen Burkat hat eine Vision: Die Martinikirche könnte durch einen Glasvorbau ergänzt, modernisiert und zu einem Café auf zwei Ebenen umgebaut werden – mit Veranstaltungsräumlichkeiten und einem Kirchraum. Die vorhandenen wertvollen Kulturgüter sollen bei diesem Plan berücksichtigt werden, das Alte soll erhalten, durch Neues ergänzt und nutzbar gemacht werden. Baupläne, Kostenpläne und Finanzierungsprogramme hat er in einer detaillierten Präsentation zusammengefasst.

Burkat wäre aber auch offen für andere Umnutzungen, sagt er. Nur dieser Stillstand, das Zusehen beim steten Verfall, sei unerträglich. „Wenn zumindest die Diskussion über diese offene Frage wieder in Gang käme, wäre das ein Gewinn.“

 

Terminhinweis: Am 23. September um 17 Uhr sind alle BewohnerInnen Goldhammes eingeladen zu einem Beteiligungsworkshop auf dem Platz an der Normannenstraße, Ecke Goldhammer Straße – um Ideen und Anregungen für die Rahmenplanung zum Stadtumbau einzubringen.

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 


 

 

Nachklang aus „Blechhamme“

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Das Wahrzeichen der Essener Straße: Die Martinikirche wartet auf neue Aufgaben und Bewohner. Foto: Dorte Huneke

Am nächsten Tag treffe ich den Quartiershausmeister zufällig erneut auf der Straße. „Heute bin ich zur Tat geschritten“, erklärt Lars Röttger. Eine Gartenschere hat er sich besorgt und in fünf Minuten ein ungeordnetes Hochbeet gestutzt. „Die Leute beschweren sich ja immer, tagelang, wochenlang, dass hier alles über die Kanten wächst. Aber tun will keiner was. Da hab ich mal schnell Hand angelegt.“

Er erzählt auch, wie froh er ist, dass er sich mit seinem Job als  Quartiershausmeister nützlich machen kann. „Ich habe Epilepsie. Deshalb kommen ganz viele Arbeitsbereiche von vornherein für mich überhaupt nicht in Frage.“ Sorgen macht er sich aber vor allem ums Viertel.  „Der Name Goldhamme kommt ja durch Krupp. Wissen Sie, wie viele dort gearbeitet haben? Jetzt sind die großen Werke dicht. Opel macht bald dicht. Wo sollen die Menschen denn arbeiten? Ich nenne Goldhamme jetzt nur noch ‘Blechhamme’.“

Wir stehen an der Essener Straße vor der Martinikirche. „Und was wäre Ihr Wunsch, was aus der Martinikirche werden soll?“ Röttger überlegt nicht lange, spricht von einem Café, einem Treffpunkt für die Bewohner, von Musikveranstaltungen und Kunst.  „Künstler haben wir in Goldhamme ja viele! Die Räume sind groß genug, um Ausstellungen darin zu zeigen. Vielleicht könnten die Künstler darin auch arbeiten, das wäre doch was!“ – Er hat wieder ‘Goldhamme’ gesagt…

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend


Your Comment