„Jedenfalls kenne ich jetzt viele meiner Nachbarn“

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„Wir sind durch die Diskussionen der letzten Wochen näher zusammengerückt. Das finde ich großartig!“ – Laura Herold ist Mitbegründerin der Bürgerinitiative Goldhamme. Foto: Dorte Huneke

Laura Herold, 25, hat Jura studiert. Gerade setzt sie einen Abschluss in Energierecht drauf. Nebenbei rettet sie noch schnell die Welt in Goldhamme und will vor allem eines – in Goldhamme bleiben.

Dass Goldhamme in den kommenden Jahren umgebaut werden soll, und dass dafür mehrere Millionen Euro zur Verfügung stehen, davon erfuhr Laura Herold eher zufällig. „Ich bin jetzt nicht so die regelmäßige Zeitungsleserin“, sagt sie. „Vor allem was unser Viertel betrifft, läuft da eigentlich alles übers Hören-Sagen.“ Zum geplanten Umbau sagten die einen dies, die anderen das. Diese Geschichten hätten ihr allerdings eher Angst gemacht. Das war vor wenigen Wochen.

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„Ihre Meinung ist gefragt!“ – Bürgersprechstunde zum Stadtumbau. Foto: Dorte Huneke

Etwa zur gleichen Zeit entdeckte Laura Herold das Stadtumbaubüro auf der Kohlenstraße. Jedenfalls ging sie zum ersten Mal hinein.  „Da saßen Leute zusammen, die seit Jahren dafür kämpfen, Goldhamme schöner zu gestalten. Das hat mich, ehrlich gesagt, überrascht.“ Einige Gesichter kannte sie, da sie seit vielen Jahren als Sternsingerin in ihrem Gemeindebezirk von Tür zu Tür geht. Überhaupt ist Laura Herold mit ihrer ganzen Familie sehr aktiv in der Katholischen Kirche.  Nach und nach erfuhr sie, was eigentlich tatsächlich geplant ist. Welche Fragen noch offen sind.  Und dass die BewohnerInnen von Goldhamme eigene Ideen einbringen sollen.

„Das klang für mich erst einmal toll.“ Eine gewisse Müdigkeit in den Gesichtern der anderen wunderte sie. Aber zum Glück wohnt jedem Anfang ein Zauber inne. Laura Herold hörte zu, diskutierte mit, war für das eine, gegen das andere. „Sie müssen zusammen arbeiten“, riet Halil Şimşek vom Stadtumbau-Büro. Hundert verschiedene Einzelvorschläge sind eben schwerer umsetzbar als drei gemeinsame.

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Vor den Stellwänden diskutieren die BewohnerInnen mit Architekten und Vertretern der Stadt. Foto: Dorte Huneke

Wenige Tage später fand die erste Versammlung zur Gründung einer „Bürgerinitiative Goldhamme“ statt. „Eigentlich hat sich das alles sehr zufällig ergeben“, erklärt Laura Herold, die die Versammlung zusammen mit ihrer Schwester leitete. Der Kirchenchor stellte auf Anfrage von Pfarrer Kuhn spontan seinen Proberaum im Gemeindehaus zur Verfügung. Dem kurzfristigen Aufruf folgten über 50 BewohnerInnen.  „Das heißt doch, dass die Leute hier sehr wohl etwas machen wollen!“ Eine Teilnehmerin bemerkt, dass offenbar niemand bei der Versammlung ist, der einen sogenannten Migrationshintergrund hat. „Da müssen wir wohl an unserer Kommunikation arbeiten“, sagt Laura Herold und will dafür sorgen, dass die Bürgeriniative beim nächsten Mal bunter wird.

„Der Kern von Goldhamme soll schöner werden“, heißt das Motto vom Stadtumbau. Aber wie? Was macht schöner? Weniger Verkehr, mehr Parkplätze, weniger Müll – und die lauten Nachbarn nerven. Darüber sind sich die meisten einig. Was heißt das für die Stadtplanung? „Die Leute glauben zum Teil eben nicht daran, dass es überhaupt eine Rolle spielt, was sie sagen“, denkt Laura Herold. „Wir sind außerdem keine Stadtplaner. Da muss man sich erst einmal reindenken.“

Laura Herold wünscht sich mehr Farbe in ihrem Viertel und erzählt von künstlerisch gestalteten Stromkästen, die sie in Münster gesehen hat. „Goldhamme hat außerdem eine reiche Geschichte. Vielleicht könnte man an besonderen historischen Orten Tafeln aufstellen, die jeweils darauf hinweisen.“ Von ihrem Wohnzimmerfenster aus blickt sie auf den Kirchturm der St.Anna-Kirche. „Die Kirche wurde nach dem Krieg von den Bewohnern selbst wieder aufgebaut. So etwas sollte doch irgendwo nachzulesen sein!“

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Stadtplanung mit Edding und Post-its. Foto: Dorte Huneke

Laura Herold wohnt wie der Architekt Hans-Jürgen Burkat auf der Cramerstraße (>>Die Cramerstraße ist sein Zuhause). Im gleichen Haus lebt ihre Schwester. Auf einer weiteren Etage wohnen ihre Eltern. „Meine Oma hat schon in Goldhamme gelebt.“ Ihr Vater sei mit seinen Eltern für zehn Jahre nach Australien ausgewandert. „Aber dann sind sie wiedergekommen. nach Goldhamme. In das Haus, in dem sie vorher gewohnt haben. Ist das nicht verrückt?“

An ihrer Uni traf Laura Herold Kommilitonen, die abends nicht allein in ihr Viertel kommen durften. Goldhamme habe eben einen echt schlechten Ruf. Verstehen kann sie das nicht. Ihr selbst sei noch nie etwas Unangenehmes passiert. „Und schön ist es hier außerdem!“ Sie freut sich, dass sie ihr Referendariat in Bochum machen kann. An die anschließende Jobsuche denkt sie ungern, weil das möglicherweise einen Umzug nach Düsseldorf oder Hamburg oder Berlin bedeutet. „Für mich ist Goldhamme meine Heimat.“

Eine Woche nach der selbst organisierten Bürgerversammlung lädt der Stadtumbau zu einer Bürgersprechstunde. Auf dem Platz an der Normannenstraße, Ecke Eugenstraße sind unter weißen Zeltplanen vier Stellwände aufgestellt. Welche Gebiete werden umgebaut? Was steht schon fest? Was ist noch möglich? Fürs Brainstorming und Beschwerden liegen Stifte und Papier bereit. Ältere und jüngere Bewohner sind gekommen, mit oder ohne Hund, mit oder ohne einen sogenannten Migrationshintergrund. Halil Şimşek übersetzt das Wichtigste ins Türkische. An einem Biertisch gibt es Farbstifte und Papier für die Kleinsten.

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Die Leiterin der Kita an der St. Anna-Kirche, Frau Esken, würde die Haselnussbäume am liebsten heute noch austauschen. Das gefiele auch dem Quartiershausmeister. Foto: Dorte Huneke

Um die Zeltplanen herum stehen prächtige alte Haselnussbäume. Sie säumen die schmalen Straßenzüge rundum. „Oh wie schön!“, freut sich die ahnungslose Besucherin aus Stahlhausen. „Schrecklich! Die Bäume sollten schnellstens entfernt werden!“, sagen die BewohnerInnen von Goldhamme ärgerlich. Die Straßen ringsum sind übersät mit reifen, geplatzten Nüssen. Das sieht tatsächlich nicht einladend aus. Auf den regennassen Straßen sind die Nüsse schnell zu einer rutschigen Masse zertrampelt. Die Nüsse sind außerdem ein leicht gefundenes Fressen für Tauben. Und Ratten.

Die schmalen Straßen gehören zu den Markenzeichen von Goldhamme. Sie konnten dem Krieg standhalten. Relativ viele alte Häuser mit kunstvollen Ornamenten sind aus der Vorkriegszeit erhalten. Wobei sie seit langem dringender Instandhaltung bedürfen. „Sie machen den Charme von Goldhamme aus!“ findet Laura Herold. „Diese markanten Strukturen dürfen durch den Umbau auf keinen Fall verloren gehen.“

Laura Herold würde auch gerne eine Patenschaft für das Hochbeet vor ihrem Haus übernehmen. „Das könnte man so schön gestalten! Schauen Sie mal, wie es jetzt aussieht! Wir dürfen daran aber nichts verändern, sagt die Stadt.“

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Laura Herold in ihrem Zuhause: „Für mich ist Goldhamme meine Heimat.“ Foto: Dorte Huneke

Als positives Beispiel für Stadtumbaumaßnahmen verwiesen die Stadtplaner gerne auf den Springerplatz im Griesenbruch, wo jeden Freitag ein Markt stattfindet, den mittlerweile ganz Bochum kennt. „Ich mag den Platz“, sagt Laura Herold. „Dort passt er hin. Aber Goldhamme ist ganz anders strukturiert. Viel kleinteiliger. Wir hatten nie einen Springerplatz, wir brauchen auch keinen Springerplatz. Das ist doch eine ganz andere Grundstruktur.“

Nach der Bürgersprechstunde zeigt Laura Herold sich zaghaft optimistisch: „Ich glaube, die haben uns ernst genommen.“

In der nachbarschaftlichen Grundstruktur hat sich seit den letzten Wochen auf jeden Fall jetzt schon vieles verändert. „Wir sprechen auf einmal viel mehr miteinander! Neulich sprach mich jemand an und wünschte mir Glück für meine Prüfung, die ich am selben Tag hatte“, freut sich Laura Herold. „Durch die Diskussionen der letzten Wochen sind wir näher zusammengerückt. Jedenfalls kenne ich jetzt viele meiner Nachbarn. Das finde ich schon mal großartig!“

Terminhinweis: Die nächste Versammlung der Bürgerinitiative Goldhamme findet am 30. September um 20 Uhr im Vincenz-Saal der St. Anna-Kirche statt. Alle BewohnerInnen sind herzlich eingeladen. Mehr Informationen über bigoldhamme@gmail.com

Ergänzung: Die Bürgerinitiative Goldhamme hat seit Ende Oktober eine Internetseite: http://bi.goldhamme.de/

GEFÄLLT MIR? Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 


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