„Erstmal bin ich optimistisch“

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Seit September die neue Ifak-Geschäftsführerin: Friederike Müller. Foto: Dorte Huneke

Friederike Müller ist dreifache Mutter, begeisterte Oma und Roller-Fahrerin. Sie liebt und lebt das Mehrgenerationenkonzept. Seit September ist sie die neue Ifak-Geschäftsführerin und baut ein neues Haus in Stahlhausen. 

Wenn die Enkeltochter morgens das Haus verlässt, um zur Kita zu gehen, und Omas Roller steht noch vor der Tür, ruft die fast-3-Jährige aus Leibeskräften: „Tschüüühüüüüs! Ooooomaaaa!“ – „Das würde ich selbst unter der Dusche noch hören“, lacht Friederike Müller. Dann gebe es noch ein „Butzi“. Die Enkelin sei „ein Kind, das von vielen getragen wird.“ Sie selbst habe, als sie klein war, andere Kinder immer beneidet, die große Familien hatten, die zu Oma und Opa gingen, wenn ihre Eltern keine Zeit hatten. Ihre eigenen Großeltern lebten in Berlin, also weit weg vom Essener Zuhause. „Ich habe mir aber meine Großeltern gesucht: ältere Frau und Männer aus der Nachbarschaft, die sich Zeit für mich nahmen.“

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Viele Generationen unter einem Dach, unterschiedliche Talenten, Neigungen und Lebensweisen – mit ähnlichen Wertvorstellungen. Das ist Friederike Müllers Traum. Foto: Dorte Huneke

Später, als sie ihre Diplomarbeit in Sozialpädagogik schrieb, suchte sie wieder nach älteren Menschen. „Ich hatte mir ein Thema ausgesucht, das damals gesellschaftlich noch mit einem großen Tabu belegt war“, erzählt Friederike Müller: Sexualität im Alter und in der Kindheit. Um zu erfahren, was ältere Menschen über Liebe und Sexualität denken, veranstaltete die Studentin Friederike Müller ein Seniorencafé für Menschen ab 75 – und gab ein Thema vor: „Die erste und die letzte Liebe.“ Vorher hatte sie sich lange überlegt, wie sie die Seniorinnen zum Reden ermutigen könnte. „Aber das lief ganz von allein. Alle hatten viel zu erzählen und gingen ganz offen damit um. Viel offener als ich gedacht hatte. Ich war damals 24 und bekam beim Zuhören teilweise rote Ohren.“

Sie fragte auch Menschen zwischen 30 und 40, was sie über die Liebe im Alter dachten. Und wie sie sich ihre eigene Sexualität im Alter vorstellten. Ob die irgendwann einfach einschliefe? „Darüber hatten die wenigsten jemals nachgedacht”, erzählt Friederike Müller. „Das Alter wird in unserem Alltag irgendwie abgekoppelt – als ginge es dabei um irgendwelche anderen Wesen.“

Friederike Müller spricht von „unterschiedlichen Realitäten“, die Menschen haben, je nachdem welcher Generation und welchen Kulturen sie angehören, welcher sozialen Schicht und welchem Geschlecht. Sie selbst habe immer versucht, sich mit möglichst unterschiedlichen Menschen, unterschiedlichen Realitäten zu umgeben. Vielleicht, um auf diese Weise eine Art vollständiges Bild vom Ganzen zu bekommen. „Als Kind wollte ich unbedingt einen Inder heiraten, der Holländisch sprechen kann.“

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Benannt nach dem Gründer der Ifak: Das Herbert-Siebold-Haus auf der Engelsburger Straße. Foto: Dorte Huneke

Etwas später, kurz vor ihrem Abitur, verliebte sie sich in einer kleinen Essener Jazz-Kneipe in einen damals noch unbekannten, aber unglaublich begabten Musiker, der Helge Schneider hieß.  Das Kind, das sie von ihm bekam, zog sie neben dem Studium alleine groß. „Das war für mich überhaupt keine Frage.“

Glücklicherweise hatte sie genug Ideen, die das möglich machten. „Ich setzte eine Annonce in die Zeitung, in der ich andere Schwangere suchte“, erzählt Friederike Müller. Gemeinsam bauten sie ein Netzwerk aus Spielgruppen und Kinderbetreuung auf, besetzten ein Haus, übernahmen reihum Elterndienste. „Unsere Kinder wuchsen zwischen selbst gebauten Matratzenlandschaften und Seminarordnern auf. Das war aber alles nie ein Problem. Irgendwie packten alle mit an.“

Anfangs arbeitete sie nebenbei sogar noch in einer Zigeunersiedlung, wo sie Kindern bei den Hausaufgaben half. „Ich habe dort zum ersten Mal wirkliches Elend gesehen und musste erleben, wie mit Menschen umgegangen wird, die keine Lobby haben. Als Schülerin war ich geschockt, dass es so etwas in meiner Stadt gibt.“ Zumal die Betroffenen deutsche Staatsbürger waren und seit vielen Generationen in Deutschland lebten. „Diese Familien waren sozusagen ein Überbleibsel der NS-Zeit. Viele ihrer Angehörigen waren in den KZs getötet worden.“ Als junge Frau führte Friederike Müller zudem Interviews mit zehn Frauen, die in der NS-Zeit im Widerstand waren. „Am meisten beeindruckte mich, dass diese Frauen trotz allem, was sie erlebt hatten, Menschenfreunde geblieben waren.“ Seitdem ist sie überzeugt, dass es möglich ist, in jungen Menschen ein unverbrüchliches Gefühl von Menschenliebe, ein Gefühl von Solidarität und Empathie, zu verankern.

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Im neuen Arbeitszimmer von Friederike Müller hängen noch keine Bilder – und der nächste Umzug ist schon in Sicht. Foto: Dorte Huneke

Ihr zweites Kind zog Friederike Müller ebenfalls alleine groß. Mit dem Vater des dritten Kindes, einem türkischen Kurden, lebt sie bis heute zusammen.

Sie selbst sei sehr behütet aufgewachsen. Die Begegnung mit Menschen, die dieses Glück nicht hatten, habe sie sehr bereichert, ihren Blick für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten geschärft und ihre politische Haltung nachhaltig geprägt.

Zum ersten Mal in unserem zweistündigen Gespräch hält sie für einen Moment inne. – Wir sitzen in ihrem neuen Büro im Herbert-Siebold-Haus auf der Engelsburger Straße. An den Wänden hängen noch keine Bilder. Die Tapeten könnten einen neuen Anstrich vertragen. Aber das wird sich schon noch ergeben. Ihr Sohn sei Fotograf, ihre Tochter Malerin, ihre Mutter ebenfalls.

Gedanklich zieht sie derweil in ein neues Mehrgenerationen- und Mehrkulturenhaus in Stahlhausen: In Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum baut die Ifak dort gerade ein neues Stadtteilzentrum. Der gemeinsame Kindergarten nebenan ist bereits eröffnet, ein Jugendzentrum wird es außerdem geben.

Die Idee, dass im neuen Stadtteilzentrum Menschen mit unterschiedlichen Realitäten und Talenten gemeinsame Räume beziehen, gefällt ihr ausgesprochen gut. Vor allem ist sie gespannt, was die Menschen im Stadtteil in das neue Haus einbringen. „Wir gucken danach, was die Leute mitbringen – nicht auf das, was sie nicht haben. Vielleicht werde ich in dieser neuen Aufgabe auch Fehler machen, aber erstmal bin ich optimistisch.“

Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend


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