Der 3. Oktober in der Schmidtstraße 29

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Tag der offenen Moschee in der Schmidtstraße 29. Foto: Dorte Huneke

Ingrid Brinkmann und ihre Freundin haben eine Lieblingsbäckerei, in der sie sich regelmäßig treffen. Heute sitzen die beiden Rentnerinnen auf dem Hof der Schmidtstraße 29 im Griesenbruch. Der 3. Oktober ist der Tag der Offenen Moschee.

„Wir kommen aus dem Ehrenfeld, aber diese junge Frau hat uns heute mitgenommen!“, erzählt Ingrid Brinkmann und weist auf das gut gelaunte Energiebündel neben sich. Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren. Nennen wir sie Bengül. Bengül arbeitet in der Lieblingsbäckerei von Ingrid Brinkmann und ihrer Freundin. Dort haben sie sich kennengelernt. „Wir waren noch nie in einer Moschee“, sagt Ingrid Brinkmann. „Wenn das Gebet gleich beendet ist, gehen wir mal hinein!“

Ingrid Brinkmann und Freundin_kl

Ingrid Brinkmann (rechts) und ihre Freundin sind zum ersten Mal in der Schmidtstraße. Foto: Dorte Huneke

„Ich bin so unglaublich erschöpft!“, sagt Bengül, die bis mittags gearbeitet hat und zusätzlich als Kellnerin in einem Restaurant arbeitet. „Und morgen wieder um vier Uhr raus!“ Auf keinen Fall will sie deshalb fotografiert werden. „Aber da vorne steht meine Mutter! Vielleicht möchten sie meine Mutter fotografieren? Oder hier, die jungen Frauen am Buffet?“ Im gleichen Moment bekomme ich wunderbare Dolma, gerollte Weinblätter, in die Hand gedrückt und die Frauen am Buffet reihen sich fröhlich zu einem Gruppenfoto auf. In der großen Küche wird seit den frühen Morgenstunden gearbeitet. Viele Besucher haben außerdem Selbstgekochtes, Selbstgebackenes mitgebracht.

Ingrid Brinkmann hat derweil ihre muslimischen Nachbarn aus der Yorckstraße ausfindig gemacht. Frau Barkin füttert gerade ihren Jüngsten mit einer Flasche, der zweijährige Bruder sitzt bei Papa Barkin auf dem Schoß. Sie kommt aus Stuttgart, er aus einem kleinen österreichischen Dorf. Gemeinsam zogen sie nach Bochum und wollen dort eigentlich nicht weg. Aber das wird der Arbeitsmarkt entscheiden. Herr Barkin hat vor einer Woche an der Uni Bochum seine Abschlussarbeit eingereicht und schreibt Bewerbungen. „Mal sehen, wohin es uns verschlägt. Opel ist ja dicht. In Süddeutschland sind die Chancen besser“, sagt der angehende Technische Wirtschaftswissenschaftler.

die fleißigen Frauen vom Buffet_kl

Gruppenfoto am herrlichen Buffet! Foto: Dorte Huneke

„Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, umzuziehen“, sagt eine Freundin der Familie, die sich zu uns gesetzt hat. Mit ihrer Familie ist sie in der Moscheegemeinde aktiv. „Vor allem könnte ich nicht irgendwohin, wo ich überhaupt niemanden kenne!“ Ihre Schwester sei kürzlich nach Höntrop gezogen. „Sie scheint sich dort eingelebt zu haben. Ich könnte das nicht.“

Aus dem Westend habe ich bislang niemanden getroffen. „Wo liegt denn Stahlhausen?“, fragt Herr Barkin als ich ihm erzähle, wo ich wohne. Nach einer kurzen Beschreibung nickt er fragend. Quartier ist eben Quartier und die Yorckstraße liegt nun mal im Ehrenfeld.

Immerhin: Berat Göcen, 16, wohnte bis vor wenigen Jahren in Stahlhausen. „Das ist eine ganz enge Gemeinschaft dort“, sagt er. „Jeder kennt jeden.“ Das habe ihm immer sehr gefallen. Heute lebt er in Hamme. Zur Moschee im Griesenbruch kommt er trotzdem noch regelmäßig.

„Wie finden Sie es denn, in Stahlhausen zu leben?“, will Berat von der Stadtschreiberin wissen. Mit zwei Fingern malt er Anführungszeichen in die Luft und fügt hinzu: „…mit uns Ausländern!?“ Berat wurde in Deutschland geboren, sein Vater ebenfalls, Berats Großvater kam zum Arbeiten aus der Türkei nach Deutschland. Wenn Berat mit seiner Familie den Sommer in der Türkei verbringt, kriegt er nach spätestens zwei Wochen Heimweh. Die Stadtschreiberin zog vor zwei Jahren ins Westend, aus Köln, vorher Istanbul.

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Ingrid Brinkmann mit ihrer Nachbarin. Foto: Dorte Huneke

Batuhan Cavlak, 16, der neben ihm sitzt, nickt. Das mit dem Heimweh nach Deutschland geht ihm genauso. Mit der Türkei haben sie wenig zu tun. Batuhan möchte möglichst schnell Abitur machen und Lehrer werden. Für Geschichte, Sport und Deutsch. Blöd sei nur, dass sein Türkisch ihm fürs Studium nicht als Fremdsprache angerechnet werde. Weil es seine Muttersprache ist. Also lernt er gerade Italienisch.

Der Tag der Offenen Moschee findet seit 1997 in Deutschland am 3. Oktober statt, der auch der Tag der deutschen Einheit ist.

„Dieses Jahr fällt der 3. Oktober ja auf einen Freitag“, freut sich Adnan Akçay, der zweite Vorsitzende der Moscheegemeinde. „Zum Gebet kamen heute etwa 500 Menschen!“ Sehr zufrieden sei er mit dem Fest. „Haben Sie schon das Essen probiert? Das wird alles von Ehrenamtlichen gemacht.“ Nur der Clown, der Luftballons zu merkwürdigen Figuren formt, musste gebucht werden. „Haben Sie die Moschee schon einmal von innen gesehen?“, will Adnan Akçay wissen. Wir gehen hinein und treffen Herrn Tekin, der geduldig alle Fragen der Besucher beantwortet.

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Berat Göcen und Batuhan Cavlak mit seinem Cousin. Foto: Dorte Huneke

Ob in der Moschee auch Deutsch gesprochen werde, möchte jemand wissen. Ob die Gebete immer dem gleichen Ablauf folgen. Ob auf Türkisch oder Arabisch gebetet werde. Ob die Frauen im hinteren Raum hinter der Glasscheibe beten. Ob die Gebetsnische Richtung Osten zeige. Der Teppich auch? Ob man auch alleine beten dürfe. Jemand hat mal gehört, dass ein Gebet in der Gemeinschaft 27 Mal mehr zähle. Und morgen sei doch Opferfest, oder nicht?

(Fortsetzung folgt)

GEFÄLLT MIR? Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend

 

 


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