Tag der Offenen Moschee (2)

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„Wir haben unser Auto auf der Schmidtstraße abgestellt und angefangen zu suchen.“ Susanne Köllner und ihr Mann, im Gespräch mit Tekin Tekin. Foto: Dorte Huneke

Susanne Köllner ist mit ihrem Mann aus Grumme gekommen. Um die Moschee zu finden, nahm die neue Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt Bochum mehrere Anläufe. Ein paar Mal seien sie wohl daran vorbeigefahren. „Wir haben unser Auto dann einfach irgendwo auf der Schmidtstraße abgestellt und angefangen zu suchen.“

Die Moschee liegt etwas zurückversetzt von der Straße, über einen breiten Hof gelangt man zum Eingang. „Wenn Sie in Deutschland eine Moschee bauen wollen, die auch als solche erkennbar ist, bekommen Sie meist Probleme. Wenn ein Gebäude äußerlich aber nicht als Moschee wahrnehmbar ist, ist es in Ordnung“, sagt Herr Tekin. In der Schmidtstraße gäbe es zum Glück keine Probleme. Nur manchmal seien zu wenige Parkplätze da. Wenn zum Beispiel, wie heute, rund 500 Menschen zum Gebet kommen. Zum Opferfest am folgenden Tag werden über 1000 Menschen erwartet.

SAMSUNG CAMERA PICTURESHerr Tekin, der an der Ruhr-Universität Islam-Wissenschaften studiert, kam 1977 im Alter von sechs Jahren nach Deutschland. Sein Vater arbeitete bei Opel, seine Mutter war Hausfrau – und versorgte immerhin sieben Kinder. „Ich liebe große Familien“, sagt Tekin. Er selbst hat drei Kinder. „Eines wäre mir zu wenig gewesen, zwei mussten es auf jeden Fall sein, drei sind noch besser.“ Seine Frau habe erklärt, dass sie mit einem vierten Kind ein neues Auto und ein Haus bräuchten. Es ist bei dreien geblieben.

Tekins Familie stammt aus einem kleinen Dorf in Anatolien. Zum nächsten Amt sind es dort manchmal mehrere Kilometer. Nach Tekins Geburt wurde sein Großvater losgeschickt, den Neugeborenen eintragen zu lassen. Die Reise muss lang und beschwerlich gewesen sein. Jedenfalls hatte der Großvater, als er vor dem Beamten stand, vergessen, wie sein jüngster Enkel heißen sollte. Was tun? Umkehren? Um noch einmal herzukommen? Der vergessliche Großvater entschied, für seinen jüngsten Enkel einen Namen eintragen zu lassen, den er sich auf jeden Fall würde merken können: Tekin. So heißt Herr Tekin nun Tekin auch mit Vornamen.

„Herzlich willkommen, sehr angenehm – ich heiße Fatih Balta und bin der Vorbeter in dieser Moschee.“ Fatih Balta kam vor 6 Monaten nach Bochum. An der Uni besucht er gerade einen Deutschkurs. Wenn ihm ein Wort fehlt, schaut er in ein Online-Wörterbuch, das er als App auf seinem Handy hat. Manchmal geht es aber auch ohne. Wie ihm Bochum gefällt? Fatih Balta strahlt und hält einen Daumen hoch.

„Ein guter Muslim hat seine App dabei“, sagt Tekin Tekin lachend. Damit ist allerdings nicht das Online-Wörterbuch gemeint, sondern eine App, die gläubige Muslime an die Gebetszeiten erinnert.

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„Das kann kein einfacher Fliesenleger!“ Tekin Tekin zeigt den Besuchern die ornamentreichen Kütahya-Fliesen aus der Türkei. Foto: Dorte Huneke

Den nicht-muslimischen Besuchern erklärt Tekin den Ablauf der Gebete, einige Grundregeln des Islam. Die Wände des Raums sind mit unzähligen fein bemalten blauen Fliesen dekoriert. Echte Kütahya-Fliesen, die aus der Türkei importiert und von einem Fachmann eingesetzt wurden. „Das kann kein einfacher Fliesenleger!“, erklärt Tekin.

Aus der unmittelbaren Nachbarschaft seien nicht viele Besucher gekommen, sagt Tekin. Ob jemand kommt, sei eben weniger eine Frage der geographischen Entfernung. „Wer Interesse hat, kommt her, auch wenn er fünfzehn Kilometer entfernt wohnt. Wer kein Interesse hat, nimmt eben auch nicht diese wenigen Meter.“ Er spricht von Berührungsängsten, die es gegenüber Gotteshäusern nun einmal gebe. „Viele wissen nicht, wann hier überhaupt geöffnet ist.“ Er spricht auch von Vorbehalten gegenüber dem Fremden. „Wir sind seit dreißig, vierzig Jahren hier und sind immer noch die Fremden. So wird das empfunden und ich glaube nicht, dass sich das in den nächsten Jahren großartig ändern wird.“ Er freut sich über jeden Besucher, der kommt und viele Fragen stellt. Aber ein bisschen enttäuscht ist er auch, dass die Deutschen so wenig über den Islam wissen. „Ich weiß, warum Weihnachten gefeiert wird, und Ostern. Ich weiß das, weil ich in dieser Gesellschaft lebe. Es wäre doch schön, wenn einige mehr auch wüssten, was hinter unserem Opferfest steht, wie wir beten, was wir glauben.“

Einzelne Besucher regen an, aufgrund der international angespannten politischen Lage die Tradition der interreligiösen Friedensgebete wieder zu beleben oder zu gemeinsamen Gesprächen einzuladen. Tekin freut sich über diese Ansätze, denkt allerdings über den Moment hinaus: „Wir brauchen die Zusammenarbeit immer, nicht nur in Krisen.“

GEFÄLLT MIR? Siehe auch: www.facebook.de/stadtschreiberinbochumwestend


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