Frank Goosen war hier

Alleestraße_kl

Frank Goosen auf der Alleestraße. Foto: Dorte Huneke

Es gab Zeiten, da hätte Frank Goosen lieber verschwiegen, woher er kommt: Von der Alleestraße 36, gleich hinterm „Eierberg“. Hinterm Puff also. Heute redet und schreibt er über kaum etwas leidenschaftlicher als über seine Kindheit, seine Familie und das Leben im Westend. Omma kommt auch drin vor.

Im Bäckerei-Café, in dem wir uns treffen, sind die Untertassen ausgegangen. „Die nette Kollegin spült gerade“, erklärt die Verkäuferin hinter der Theke. „Die nette Kollegin kann aber nicht hexen“, erschallt eine leicht angespannte Stimme aus der Küche. Frank Goosen stellt seine blanke Tasse auf ein Tablett und legt eine Kuchengabel dazu. „Vielleicht könnte die nette Kollegin auch noch Löffel spülen“, flötet er in die Küche. Die nette Kollegin steckt ihren Kopf durch die Küchentür. „Löffel auch aus? Moment!“ Frank Goosen winkt ab. „Geht schon, geht schon. Ich habe ja jetzt eine Gabel.“

Wo wir gerade sitzen, der riesige Supermarktkomplex mit Fitnessstudio und Bäckerei, war in den 1970er Jahren, als der bekannte Autor und Kabarettist Frank Goosen ein kleiner Junge war, ein riesiger Parkplatz. „Über den sind die Leute immer zum Puff hoch gefahren“, sagt er. Nebenan steht das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Alleestraße 36. Ein wettergegerbtes dunkelgrau-braunes Haus mit uralten Antennen auf dem Dach. Vorne habe früher ein Zahnarzt seine Praxis gehabt. Sein Name steht immer noch an der Tür. „Das kann doch nicht sein!“, staunt Frank Goosen, und erkennt noch einen zweiten Namen auf den Klingeln wieder. Ob die wohl noch hier wohnen? Die Klingelleiste jedenfalls ist aus der Zeit damals erhalten geblieben. „Die hat mein Vater angebracht!“

Alleestraße 36_kl

Die Klingelleiste, die Frank Goosens Vater an der Alleestraße 36 angebracht hat, ist noch da. Foto: Dorte Huneke

Frank Goosens Vater war Elektriker und hat in seinem Leben nur eine einzige falsche Entscheidung getroffen. „Er hätte bei der Stadt Bochum anfangen können, weil meine Omma bei der Stadt Bochum war.” Damals sei so ziemlich alles unter der Hand zu regeln gewesen. Goosens Vater wollte das aber nicht, weil er sich selbständig machen wollte. Bei der Stadt hätte er zwei Jahre auf die Meisterstelle warten müssen. „Diese Entscheidung hat ihn sein Leben gekostet.“Weil man als Selbständiger nicht die Möglichkeit hat, ein Magengeschwür auszukurieren, wie beispielsweise ein Angestellter im Öffentlichen Dienst. Weil Selbständige, wenn sie sich einen Schraubenzieher durch die Hand jagen, diese verbinden und weiter arbeiten. Auch mit Herzklappenproblemen arbeitet ein Selbständiger weiter. „Hätte mein Vater bei der Stadt Bochum angefangen, wäre das vielleicht langweiliger gewesen“, sagt Frank Goosen, „aber er würde noch leben.“

Inzwischen ist Frank Goosen selbst Vater – und Jugendtrainer bei der Arminia Bochum. Wenn er mit seinen beiden Söhnen, 13 und 11, oder mit seinen Fußball-Jungs die Alleestraße nach Eppendorf hoch fährt, erzählt er ihnen manchmal von seiner Kindheit dort. „Speziell bei meinen Kindern finde ich es wichtig, ihnen zu vermitteln, wo die Wurzeln ihrer Eltern liegen“, sagt er.

Von Spüli, Pommes, Mücke und sich selbst erzählt er dann. Den „Jungs von der Alleestraße“, so wurden sie genannt. Wie sie auf der Wiese vor der Schule am Springerplatz Fußball gespielt haben. Stundenlang. Den ganzen Tag. „Ich weiß gar nicht, wie ich so dick werden konnte.“ In den Ferien gingen sie morgens schon los. „Wir waren die Generation, die immer viel draußen war.“ Obwohl er auch gerne Fernsehen geguckt hat. Alle drei Programme, die es gab.

Beim Fußballspielen sei er selbst oft ins Tor gegangen. „Weil ich einerseits nicht so schnell war und andererseits mich auch schmeißen durfte. Viele kriegten ja Ärger, wenn sie zu dreckig nach Hause kamen. Das ist keine Erfindung der Neuzeit.“ Goosen sagt dann gerne, dass sein Vater eher skeptisch wurde, wenn er vom Fußballspielen mal nicht völlig verdreckt nach Hause kam, und ihn fragte: Hast Du Dich nicht genug angestrengt?‘

Er erzählt von dem Kater, den sein Vater einmal aus dem Fenster der Alleestraße 36 geworfen hat, weil das Tier ihm nachts vom Schrank aus direkt auf die frische Magenoperationsnarbe gesprungen war. Dass der Kater nach rund zwei Wochen wieder vor der Tür gestanden habe, weil es eben ein großes Glück sei, jemanden zu haben, der einem regelmäßig eine Dose Katzenfutter aufmacht. Dass Mutter Goosen dem Kater so viel zu fressen gegeben hat, dass dieser irgendwann 20 Kilo wog und ein komplettes Waschbecken ausfüllte. Und dass Mutter Goosen wohl eigentlich gerne noch ein zweites Kind gehabt hätte.

Toreinfahrt Methodistische Kirche_kl

„Das war natürlich ein bisschen lästig, wenn da permanent der Ball vorfliegt.“ – Die Gitterfenster im Souterrain der Methodistischen Kirche haben es überlebt. Foto: Dorte Huneke

Manchmal spielten sie auch auf dem Hof der Methodistischen Gemeinde Fußball. Die Toreinfahrt war das eine Tor. Das Gitter vor dem Fenster im Souterrain gegenüber das andere. Wenn ein Tor fiel, knallte der Ball vor das Gitter, hinter dem der Kirchenchor häufig probte. „Das war natürlich ein bisschen lästig, wenn da permanent der Ball vorfliegt. Es gab auch schon mal Ärger. Ich wundere mich aber, dass die Nachbarn das so mitgemacht haben.“

Frank Goosen denkt gerne an diese Zeit zurück. Er sei eben ein erinnerungsseliger Typ. Irgendwann habe er angefangen wahrzunehmen, dass das hier eine härtere Gegend ist. „Das hat mich alles sehr umgegraben.“ Seine Freunde seien manchmal überrascht, dass er so viele Begebenheiten aus seiner Jugend so sehr genau in Erinnerung habe. „Das hat mich wohl alles emotional sehr beschäftigt. Und zwar unglaublich lange.“

Dazu gehört die Erfahrung, als ungefähr Achtjähriger von merkwürdigen Männern aus dem Auto heraus angesprochen zu werden: ‚Hey Junge, kannst Du mir sagen, wo ich auf den Eierberg komme?‘ – „Ich frage mich, in welcher Kultur es richtig und sinnvoll ist, einen Achtjährigen nach dem Weg zum Bordell zu fragen. Mitten am Tag, wo hundert andere Menschen auf der Straße sind.“ Einmal sei ein Auto vor ihm an die Bordsteinkante gefahren, in dem fünf Männer saßen, die kaum Deutsch sprachen und nur aufgeregt ein Blatt Papier hochhielten, durch das sie permanent einen Kuli stießen. Bis in einen Hauseingang habe das Auto ihn und einen ebenfalls „sehr minderjährigen Freund“ verfolgt.

Er habe auch öfter Geschrei gehört, wenn irgendwelche Leute sich oben am Puff schlecht benommen hatten und unter seinem Fenster vermöbelt wurden. Einmal ist einer erstochen worden.

Elsaßstraße ohne Sandspielzeug

„Speziell bei meinen Kindern finde ich es wichtig, ihnen zu vermitteln, wo die Wurzeln ihrer Eltern liegen.“ Darum erzählt Frank Goosen gerne und wunderbar und immer wieder Geschichten von der Alleestraße. – Foto: Dorte Huneke

Dass er eine miese Kindheit gehabt habe, könne er aber nicht sagen. „Auch weil eine Kindheit nicht allein von der Gegend abhängt, in der man aufwächst, sondern vor allem von den Freunden, die man hat, und von den Eltern.“ Da könne er sich überhaupt nicht beschweren. „Ich war Einzelkind. Immer der Mittelpunkt der Welt.“

Mit den Kindern von der Gußstahlstraße, also aus dem Rotlichtviertel, hätten viele gar nicht spielen dürfen. Er schon. „Meine Eltern fanden das vielleicht nicht toll, aber sie wollten wohl auch nicht, dass solche Kinder noch zusätzlich ausgegrenzt werden.“ Diese Haltung beeindruckt ihn vor allem im Nachhinein. Als Kind begreife man das ja noch nicht so.

Dass das Leben auf der Alleestraße irgendwie anders war, begriff Frank Goosen als er auf das Gymnasium kam. „Wir waren 42 Kinder in der fünften Klasse. Ein großer Teil kam aus Stiepel und Querenburg.“ Querenburg war schon damals eine Gegend, wo viele Mitarbeiter der Universität lebten, und andere Akademiker. „Da merkte ich doch nach einiger Zeit, dass ich anders war.“ Nur wenige Mitschüler seien aus ähnlichen sozialen Verhältnissen gekommen. Hier habe er zum ersten Mal ein Gefühl von Klassenzugehörigkeit bekommen.

Als er mit ungefähr 19 eine Freundin hatte, deren Eltern namhafte Ärzte in Querenburg waren, redeten im Wartezimmer der Arztpraxis plötzlich wildfremde Menschen über ihn, den neuen Freund der Tochter aus gutem Hause. „Der Mutter passte nie, dass ich mit ihrer Tochter zusammen war – mit einer Begründung, die sich anhört wie aus einem schlechten Kabarett: ‚Der ist ja eine ganz andere Schicht.‘” Und eine andere Mutter, die Frank Goosen persönlich nicht kannte, („ich kannte nur ihre bescheuerte Tochter”), habe erklärt: ‚Naja, man weiß ja, wo der wohnt. Nämlich am Puff. Dann wird er auch schon oft da gewesen sein.‘“

Lustiger ist, dass Frank Goosens guter Freund, der Bäckerssohn Bernd Kessenich, als Teenager einmal Törtchen in die Peep-Show bringen sollte und beim Verlassen des Ladens auf seinen Opa traf – ohne die erklärenden Törtchen in der Hand.

Vom Leben neben der Peep-Show und seiner mittlerweile 91-jährigen Omma erzählt Frank Goosen auf dem zweiten Teil unseres Spaziergangs.

[Fortsetzung folgt]

GEFÄLLT MIR! https://www.facebook.com/stadtschreiberinbochumwestend

 


Your Comment