Frank Goosen geht weiter

Omma anrufen_kl

Mit „Omma” am Telefon auf der Elsaßstraße, Ecke Metzstraße. Foto: Dorte Huneke

In der Elsaßstraße im Griesenbruch erlebte Frank Goosens Großmutter den schwersten Bombenangriff auf Bochum, am 4. November 1944. „Meine Omma war damals mit meiner Mutter schwanger“, erzählt Goosen. Dass sie überlebten, grenzt an ein Wunder.

Tonnenweise seien an jenem Abend die Bomben abgeworfen worden, sagt Frank Goosen, als wir im November 2014, also ziemlich genau 70 Jahre später, über die Metzstraße in die Elsaßstraße laufen. In den Archiven dokumentiert sind 1400 Bomben, die bei jenem Angriff 1200 Menschen in Bochum töteten. Von den anderen Häusern auf der Straße sei nach dieser Nacht im Grunde nichts mehr übrig gewesen, zitiert Frank Goosen die Erinnerungen seiner Großmutter.

Als wir auf der Elsaßstraße stehen, sucht Frank Goosen die Stelle, an der das Haus seiner Omma gestanden haben muss. Welche Hausnummer war das noch gleich? „Moment, ich rufe Omma mal eben an!“

Elsaßstraße mit Sandspielzeug2

„Sie saßen im Keller und fürchteten um ihr Leben. Der Putz rieselte von der Decke.“ Frank Goosen erzählt von den Erinnerungen seiner „Omma“. Foto: Dorte Huneke

Einen Moment lang ist der Enkel in das vertraute Gespräch mit seiner mittlerweile 91-jährigen Großmutter vertieft. Gut geschlafen hat sie, es geht ihr gut. Und erinnern kann sie sich an jenen Abend natürlich sehr genau. Dass sie nasse Sachen vor den Mund halten und durch ein Loch kriechen mussten zum Beispiel.

Wir finden das Grundstück, auf dem mittlerweile ein neues Haus errichtet wurde. Frank Goosens Großmutter lebte dort mit ihrem Vater, der bei Krupp arbeitete. Ihr Mann war im Krieg. Hochschwanger habe sie am frühen Abend bereits im Bett gelegen, als ihr Vater reinkam und sagte: ‚Die Christbäume stehen am Himmel.‘ „Das waren die Leuchtbomben, die alles hell gemacht haben für die eigentlichen Bomber“, erklärt Frank Goosen, der schon Stunden damit verbrachte, aufmerksam und gespannt die Erlebnisse seiner Großmutter aus diesen und vielen anderen Tagen zu hören. Dann mussten alle in die Keller und es folgte der verheerendste Bombenangriff auf Bochum. „Sie saßen im Keller und fürchteten um ihr Leben. Der Putz rieselte von der Decke.“

Als der Angriff vorbei war, sei ihr Haus das einzige gewesen, das stehen geblieben war. „Weil die Decke gewölbt war und der Druck sich deshalb anders verteilt hat.“ Die Menschen um sie herum seien fast alle umgekommen, begraben in ihren Häusern. „Meine Omma hat noch vor Augen, wie ihr Vater eine Tür als Feuerschutz auf dem Rücken hatte und mit dem Gartenschlauch versuchte, die Flammen zu löschen.“

Absinth bis Peep Show_kl

Landmarken: Die Szenekneipe „Absinth“, damals „Ahorn-Eck“, und das Pornokino. Foto: Dorte Huneke

Noch in der gleichen Nacht seien die Überlebenden in einem Hinterzimmer der Kneipe Terboven am Springerplatz (heute Osteria al Vecchio Torchio) zusammengezogen worden, um am nächsten Tag auf die Stadt verteilt zu werden. „Das Haus meiner Omma stand zwar noch, aber es war nicht mehr bewohnbar. Sie kam dann erst zu Verwandten ins Ehrenfeld und zwei Tage später zu anderen Verwandten auf einen Bauernhof im Sauerland.“

Nach dem Krieg zog die Familie nach Bochum zurück. Und 10 Jahre später fing „Omma“ an, im Bochumer Rathaus in der Telefonzentrale zu arbeiten. Goosen-Leser wissen das.

Auch dass Omma Goosen die Telefonzentrale später leitete und Enkel Frank in der Wohnung im Rathaus aufregende Zeiten verbrachte. Und dass Omma kein Mäuschen war. „Meine Omma hat unter meinem Opa zwar auch ein bisschen gelitten. Aber sie hat immer zugesehen, wo sie bleibt. Ich hoffe jedenfalls, sie hat ein paar von den Dingen, die mein Opa ihr vorgeworfen hat, wirklich getan.“

Von seinen Eltern weiß Frank Goosen, dass sie manchmal ins „Ahorn-Eck“ gingen, als dies noch eine klassische Stammtisch-Kneipe war, und später als es schon eine Szene-Kneipe war. „Sie waren noch sehr jung, als sie mich bekamen. Sie waren also noch gerne unterwegs, wie wir das alle in dem Alter gemacht haben.“

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An der Seltersbude gegenüber vom Pornokino kaufte Frank Goosen als Kind ein. Foto: Dorte Huneke

Am gleichen Ort gründete Goosen als Student mit ein paar Freunden von der Uni auch eine erste Autorengruppe. „Die Gruppe hatte den etwas sehr konventionellen Namen ‘Triebfeder’.“ Heute ist hier das „Absinth“.

„Und wenn wir schon mal hier sind, gehen wir natürlich am Pornokino vorbei.“ Natürlich! Das Kino sei eine Landmarke, mit der jeder zu tun gehabt habe, der hier lebte. An der Seltersbude gegenüber kaufte Frank Goosen als Kind öfter ein. Vielleicht ist es die älteste im Viertel. „Da stand natürlich manchmal die Hintertür vom Kino auf und man hörte die Geräusche von den Filmen. Es hört sich vielleicht blöd an, aber ich glaube die permanente Nähe der, sagen wir mal sexuellen Verwertungsindustrie, führte dazu, dass ich noch nie in so einem Kino, noch nie in einer Peep-Show und noch nie in einem Bordell gewesen bin. Das ist in meinem Alter ja eher ungewöhnlich. Mich hat das immer verunsichert und abgeschreckt.“

Was Ficken ist, habe ihm jemand anders erzählt – und das sei zugleich die Keimzelle seines Schreibens: „Ein Freund von mir, der einen älteren Bruder hatte, erklärte einmal, er wüsste was Ficken wäre. Und zwar, wenn zwei sich gegenseitig anpinkeln. Das ist nicht schön, in keiner Hinsicht.“ Es stehe aber für die Ruppigkeit dieser Gegend, von der er in seinem Leben viel mitbekommen habe. Die vierspurige Hauptverkehrsstraße gleich unter seinem Kinderzimmerfenster zählt er dazu.

Alleestraße an der Ampel_kl

Und dann muss Frank Goosen los: Über die Ampel, an seiner alten Haustür vorbei. Bis bald im Westend! Foto: Dorte Huneke

Wir laufen noch die Diekampstraße hoch, am ehemaligen Ahorn-Eck vorbei, wo ja die junge Mutter Goosen mit Vater Goosen gerne mal einen Abend verbrachte. Einmal hielten sie auf dem Weg zurück in die Alleestraße auf dem Spielplatz an, um eine Weile fröhlich, vielleicht singend, zu schaukeln. Dabei sei die Handtasche seiner Mutter gestohlen worden. Seiner jungen Mutter, die gelernte Buchhalterin war und in einem Herrenmodengeschäft auf der Huestraße arbeitete, bevor sie in der Firma seines Vaters die Buchhaltung übernahm. Und die, wie sein Vater, viel zu früh gestorben sei.

Und dann muss Frank Goosen schnell los. Um halb zwei kommen die Kinder nach Hause, da muss das Essen auf dem Tisch stehen. Mama Maria ist heute nicht da. Nudeln gebe es, weil ein Freund aus der Schule zu Gast sei. „Mit Nudeln kann man nichts falsch machen.“

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