„Was das für ein Staub war!“

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„Das ist ein Erlebnis!“, sagt Anna Peschel, 99 Jahre. Foto: Dorte Huneke

Anna Peschel erinnert sich sehr genau an die Zeit, als der Westpark noch Stahlarbeitergelände war. Am Freitag wurde dort ein neuer Rad- und Fußgängerweg eingeweiht. „Das ist ein Erlebnis!“, sagt die 99-Jährige.

Gesehen habe man von der Arbeit im Stahlwerk nichts, sagt Anna Peschel. Das Gelände sei ringsum fest verschlossen gewesen. Aber die Gerüche und der Staub sind Anna Peschel in der Nase geblieben. „Was das für ein Staub war, wenn die Schlacke losgelassen wurde!“

Anna Peschel wohnt mittlerweile im St.-Marienstift. In den Westpark kommt sie mit anderen Bewohnerinnen häufiger zum Spazieren. Zum Glück sind die neuen Rad- und Fußgängerwege barrierefrei.

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Sein Werk sollte unbedingt etwas mit dem Ort, vor allem aber mit den Menschen, die dort arbeiteten, zu tun haben: Marcus Kiel. Foto: Dorte Huneke

Ein großes Erlebnis sei dieser Tag heute für sie, sagt Anna Peschel. „Wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier ihr Brot gehabt haben.“ Im Dezember wird Anna Peschel 100 Jahre alt.

Selbst Stadtbaurat Dr. Ernst Kratzsch zeigt sich bei der feierlichen Eröffnung der neuen Wege und Werke im Westpark nostalgisch. Man vergesse so schnell die Historie eines Ortes, sobald dort neue Gebäude errichtet wurden.

Der Tunnel unter der Alleestraße, parallel zur Wattenscheider Straße, war früher die Verbindung zwischen den beiden Krupp-Werkbereichen Gussstahlfabrik und Stahlindustrie. Achtzig Meter breit. Innen zwei Gleise. Das sei natürlich eine ganz andere räumliche Dimension gewesen, sagt Karl-Heinz Danielzik. Der Landschaftsarchitekt ist seit 1997 mit den Umbau-Planungen befasst.  Nun führt ein Radweg durch den verkleinerten Tunnel. (Die Beleuchtung wird Ende November nachgeliefert.)

Am nördlichen Eingang dieses neuen Tunnels wurde endlich auch das Kunstwerk von Marcus Kiel eingeweiht (>>Ein Teil von mir, ein Teil vom Westend).

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Wünscht dem Westend alles Gute, weil er Ende November geht: Stadtbaurat Dr. Ernst Kratzsch. Foto: Dorte Huneke

Er habe immer großen Respekt vor den Arbeitern gehabt, sagt der in Goldhamme aufgewachsene Künstler. Deshalb sollte sein Werk unbedingt etwas mit dem Ort, vor allem aber mit den Menschen, die dort arbeiteten, zu tun haben.

2001 hatte Kiel mehrere „Kruppianer“ gefragt, wie sie es empfunden hätten, als immer mehr Produktionsbereiche geschlossen wurden. Einer antwortete: „Ich hatte das Gefühl, dass da ein Teil von mir stillgelegt werden soll.“ Dieser Satz steht nun in großen Buchstaben aus Stahl am neuen Tunnel unter der Alleestraße.

Weil viele „Kruppianer“ aus der Türkei kamen, ließ Kiel den Satz auch ins Türkische übersetzen: Sanki Canımın bir parçasına kilit vurulacakmiş gibi geliyordu bana. Passend auch, weil die ersten 100 Arbeiter aus der Türkei ziemlich genau vor 50 Jahren vom damaligen Bochumer Verein angeworben wurden, im Juli 1964.

Heinz Kahlert, 82, ist an diesem Vormittag nur zufällig in den Westpark gekommen. Vorsichtig nähert er sich mit seinem Fahrrad den versammelten Architekten, Politikern, Künstlern, Journalisten.  Neugierig ist er aber schon. Also lässt er sich ermutigen und kommt mit.

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Neugierig und skeptisch: Heinz Kahlert, 82. Foto: Dorte Huneke

Neugierig und etwas skeptisch betrachtet Kahlert auch die neue Wegführung durch den Westpark. „Das muss sich erst noch beweisen“, sagt Kahlert, der viele Jahre auf der Zeche Vereinigte Engelsburg gearbeitet hat.Der Schlenker, den die unmittelbaren Anwohner machen müssten, um in die Stahlhauser Siedlung zu kommen, sei möglicherweise zu groß.

Für die ehemaligen Arbeiter der Krupp-Werke war der Schlenker möglicherweise auch zu groß. Zumindest sind sie nicht zu finden an diesem Tag der Einweihung so vieler neuer Gestaltungen ihres ehemaligen Werkgeländes. Marcus Kiel will sich in den nächsten Monaten aber auf die Suche nach  Zeitzeugen machen. Und die Bewohner des Westends finden sicher auch noch her.

TERMINHINWEIS: Am 20. November um 18:30 Uhr wird der Planungsentwurf für den Stadtumbau Goldhamme im Jochen-Klepper-Haus öffentlich vorgestellt.

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