„Ich bin ein empörter Bürger“

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„Was hätte ich in Spanien gemacht, wenn mich niemand auf ein Dorffest mitgenommen hätte?“, fragt sich Christian Dicke. Foto: Dorte Huneke

Christian Dicke lebte auf Mallorca und in Barcelona, bevor er in die Jütenstraße in Goldhamme zog. In Bochum holt er gerade einen Abschluss nach – und traf eine Familie, die das Leben vor eine noch schwierigere Prüfung stellte.

Als Christian Dicke 16 Jahre alt war, erfüllte sein Vater sich einen Traum: Er zog auf seine Finca auf Mallorca. 1968 in Soest geboren, kannte der Sohn das Anwesen von mehreren Urlauben, die sie dort verbracht hatten, und beschloss, mit dem Vater nach Mallorca zu gehen. Auf der Insel besuchte er ein spanisches Gymnasium und lebte ansonsten in einem „kleinen deutschen Kosmos“.

„Anfangs waren wir fast die einzigen Deutschen in unserem Dorf“, erzählt Christian Dicke. „Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Deutsche, Wohlhabende und weniger Wohlhabende, letztere oft ohne den nötigen finanziellen Rückhalt. Sie dachten wohl: ‚Es wird sich schon etwas finden, irgendeine Geschäftsidee wird sich ergeben.‘ Bald arbeiteten die weniger Wohlhabenden für die Wohlhabenden nicht selten als Gärtner oder als Betreuer der Anwesen.“

Als junger Mann zog Christian Dicke aufs spanische Festland: für eine Ausbildung (Industriekaufmann), zum Arbeiten (Lebensmittelindustrie, Übersetzungen)und zum Studieren (Politikwissenschaft). „Mit ungefähr 40 zog es mich nach Deutschland zurück.“ Heimweh nach den älter werdenden Onkels und Tanten in Deutschland, nach der Soester Börde, dem Arnsberger Wald… In Spanien wurde außerdem die Wirtschaftskrise immer spürbarer. Sein älterer Bruder war in Deutschland geblieben, hatte BWL studiert und sich in Bochum eingerichtet. Christian Dicke fand eine kleine Wohnung in Goldhamme. „Zum Starten genau das Richtige. Mit geringer monatlicher Belastung.“ Das Arbeitsamt vermittelte ihm einen Job in einem Call Center in Essen („sehr ermüdende Arbeit, acht Stunden täglich, zwei Stunden Fahrt; du merkst nicht, wie die Zeit vergeht, ohne dass du dich weiter entwickelst“) – und einen Augenaufschlag später waren fast drei Jahre vergangen.

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Historische Fassaden in der Jütenstraße: reiche Geschichte, mittellose Nachbarn. Foto: Dorte Huneke

Unterdessen waren ein paar Meter weiter auf der Jütenstraße mehrere Familien aus Rumänien eingezogen. Die Kinder fielen Christian Dicke zuerst auf. „Vorher sah man bei uns auf den Straßen und in den Parks nicht viele Kinder. Es war natürlich auch schnell klar, dass sie wohl über wenige Mittel verfügten.“ Christian Dicke bot einer Familie eine Matratze an, die er noch im Keller hatte. So war der erste Kontakt hergestellt – zu einer siebenköpfigen Familie, einer alleinstehenden Frau mit sechs Kindern zwischen 4 und 14 Jahren. „Ihr Mann sitzt wegen Diebstahls in einer JVA.“

Eine weitere rumänische Nachbarin, die etwas Spanisch sprach, weil sie einmal in Spanien gelebt hatte, half anfangs bei der Verständigung. Nachdem diese ausgezogen war, wurde es schwierig. „Ich wollte der ältesten Tochter deshalb Deutsch beibringen, damit sie es ihren Geschwistern weitergeben kann. Wie man das so denkt als Deutscher: Wenn du eine Sache machst, erzielst du einen bestimmten Effekt, der wiederum Multiplikatoren generiert.“ Zu Hause erstellte er Übungsmaterial und übersetzte es mit dem Computer ins Rumänische. „Es stellte sich aber heraus, dass das Mädchen überhaupt nicht lesen und schreiben konnte. Ein Mädchen von 14 Jahren, das noch nie in der Schule war, oder höchstens ein paar Tage. Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen! Bei den anderen Kindern war es das Gleiche. Die Mutter ist übrigens auch Analphabetin.“

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„Bei Familie H. scheint man gedacht zu haben: Umso besser, wenn die Kinder nicht in der Schule sind. Dann haben wir weniger Probleme. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ – Foto: Dorte Huneke

Den Job im Call Center hatte Christian Dicke zu der Zeit bereits aufgegeben, um eine Fortbildung zu machen. In seiner freien Zeit nahm er die Kinder der Familie R. mit zu kleinen Erledigungen. Dafür erhielten sie von ihm zehn Euro.„Für sie war das ein tolles Erlebnis“, freut sich Dicke. „Wenn sie nie rauskommen, wird Deutschland für sie immer ein Fremdkörper bleiben.“

Familie R. lud ihn auch zu sich nach Hause ein. So bekam er im Frühjahr mit, dass Mütter und Kinder bereits seit zwei Monaten ohne Strom und Wasser lebten. „Die Miete hatten sie zwar bezahlt, aber sie wussten nicht, dass sie den Strom auf ihren Namen hätten ummelden müssen.“ Ein gemeinsamer Besuch bei den Stadtwerken ergab, dass der gesamte Stromzähler ausgebaut worden war, weil der Eigentümer des Hauses Altschulden hatte.

Jugendamt und Ordnungsamt waren ohnehin schon alarmiert und schickten mehrfach Vertreter in das Haus auf der Jütenstraße. Eine Begegnung mit einer Beamtin des Jugendamtes macht Christian Dicke jedoch bis heute fassungslos: „Sie stand im Hausflur, streichelte den Kindern über den Kopf und stellte fest: ‚Na gut, die sehen aber ja trotzdem sehr sauber aus.‘“ Einen Kanister voll warmem Wasser bekam Frau R. in dieser Zeit täglich von Christian Dicke. „Sie wusch damit ihre Kinder in der Badewanne“. Kaltes Wasser habe es wohl noch im Keller gegeben. „Und von einer Nachbarin bekam sie stundenweise Strom, mit einem aufrollbaren Kabel.“

Eine Schule hatten die Kinder bis dahin auch in Deutschland noch nicht von innen gesehen. Christian Dicke telefonierte deshalb mit Ämtern, Schulen und sozialen Trägern. „Wenn ein deutsches Kind fünf Tage unentschuldigt in der Schule fehlt, steht dort wenig später die Polizei vor der Tür“, empört sich Dicke. „Bei Familie R. scheint man gedacht zu haben: Umso besser, wenn die Kinder nicht in der Schule sind. Dann haben wir weniger Probleme. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Den Fehler sieht Dicke vor allem in einem Verwaltungssystem, das „Briefe auf Amtsdeutsch an nicht-alphabetisierte Mitbürger“ versendet und auf ähnliche Besonderheiten wenig flexibel reagieren kann.

Im Sommer 2014 lebte Familie R. seit 10 Monaten in Deutschland. Die Kinder waren inzwischen eingeschult – und für Frau H. zeichnete sich die Aussicht auf eine Vollzeitstelle als Putzkraft ab. Sie machte einen Luftsprung.

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„Vorher sah man bei uns auf den Straßen und in den Parks nicht viele Kinder“, sagt Christian Dicke. Foto: Dorte Huneke

Und landete hart. Sie solle, laut Jobcenter, zunächst einen Deutschkurs besuchen – sobald ihr Antrag auf Hartz IV genehmigt sei. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Weil Frau R. nur zur Arbeitssuche hier sei und nicht glaubhaft machen könne, langfristig in Deutschland leben zu wollen. Also: kein Job, kein Deutschkurs, kein Hartz VI. „Alle sechs Kinder sind eingeschult“, sagt Christian Dicke. „Was könnte man mehr tun, um sich integrationswillig zu zeigen?“

Von der Wohnung in der Jütenstraße zog Familie R. in eine Wohnung in Hofstede. „Ebenfalls eine verrufene Adresse“, sagt Christian Dicke. „Ein Haus, in dem nur alkoholisierte Deutsche leben und einige rumänische Familien.“ Er selbst betrat die Wohnung zwei Tage nach dem Einzug. Da roch es nach feuchtem Estrich, die Familie saß zwischen beschmierten, befleckten Wänden auf einem Sofa. Es stellte sich heraus, dass der Hausmeister die Wohnung illegal vermietet hatte, der Eigentümer erfuhr erst später davon und zog vor Gericht.

Er lebe sehr gerne in Deutschland, sagt Christian Dicke, aber im Laufe dieser Erfahrungen sei er zu einem empörten Bürger geworden. „Keiner heißt diese Menschen hier willkommen, keiner hilft ihnen, die deutsche Lebensart kennenzulernen. Was hätte ich denn in Spanien gemacht, wenn mich dort niemand auf ein Dorffest oder auch mal mit in die eigene Familie genommen hätte?“

Ein Sohn der Familie spreche inzwischen fast fließend Deutsch. Das Mädchen sei etwas langsamer. „Aber sie hat ein unglaubliches Talent, aus den billigsten Klamotten ein stylishes Outfit zu zaubern. Vielleicht kann sie eines Tages eine erfolgreiche Kosmetikerin werden.“

Das Schulungsinstitut, an dem Christian Dicke seinen Abschluss als Groß- und Außenhandelskaufmann macht, liegt nur zehn Minuten von der derzeitigen Wohnung von Familie R. entfernt. Auf dem Rückweg schaut er täglich bei der Familie vorbei, hilft bei der Bearbeitung der Post und anderem. In den letzten Wochen war er allerdings mehr in der Bibliothek, um sich auf seine Prüfung vorzubereiten. „Dann werde ich hoffentlich eine gute Arbeit finden.“ Und wenn es richtig gut läuft, werde er beobachten, wie der älteste Sohn der Familie R. es eines Tages zum Ingenieur bringe. „Das Zeug dazu hat er, da bin ich mir sicher.“

 

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